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Bio-regional Einkaufen in Augsburg Stadt und Land

Bio-regional Einkaufen in Augsburg Stadt und Land
Ihr sucht Läden, Bäcker und Erzeuger von biozertifizierten Lebensmitteln in Augsburg und dem Landkreis? Ihr findet sie ab sofort unter bio-regional-augsburg.de.
Umweltfreferent Reiner Erben und Landrat Sailer beim Hafnerbauern in Gablingen

Bio regional einkaufen in Augsburg Stadt und Land

Der Lifeguide Augsburg vergrößert sich – und die Region Augsburg wird um eine Attraktion reicher: Der erste bio-regionale Einkaufsführer für Lebensmittel aus und in Augsburg Stadt und Land ist online! Dort findet ihr die Vielfalt an lokalen und zertifiziert-biologisch wirtschaftenden Erzeugungs- und Verarbeitungsbetrieben in unserer Region. Auf einer interaktiven Karte sind Wochenmärkte, Direktvermarkter wie Hofläden und 24-Stunden-Automaten, Naturkosthandel, Unverpacktläden, Bäckereien und andere Verarbeitungsbetriebe sowie Gastronomiebetriebe verzeichnet - eben alle, wo ihr bio regional einkaufen könnt.

Was gibt es im Einkaufsführer zu entdecken?

Der Einkaufsführer enthält Informationen zu Anbieter*innen, die sich auf Lebens- und Genussmittel spezialisiert haben und dabei besonderen Wert auf Ökologie und Nachhaltigkeit legen. Das Portal bietet Konsument*innen Orientierung, wo sie welche Bio-Lebensmittel aus der Region einkaufen können.

Warum braucht es einen bio-regionalen Einkaufsführer? 

Die Bio-Landwirtschaft und regionale Geschäfte wie Reformhäuser und Bio-Läden bieten qualitativ hochwertige und handwerklich erzeugte Lebensmittel an. Umwelt- und Artenschutz werden hier großgeschrieben und Arbeitsplätze in unserer Region gesichert. Durch die aktuellen Krisen und die Inflation steigt der Druck auch auf diese Branche. Der bio-regionale Einkaufsführer möchte deshalb die Bio-Betriebe in Augsburg Stadt und Land unterstützen, sie bekannter machen und den Absatz an Bio-Lebensmittel langfristig stärken. 

Mit der praktischen Suchfunktion des Portals könnt ihr ganz einfach bio-zertifzierte Lebensmittel in eurer Region finden und nachhaltig einzukaufen.

„Diese Plattform ermöglicht unseren regionalen Bio-Produzenten und -Verarbeitern, sichtbarer zu werden und sich einen neuen Kundenkreis zu erschließen. So bleibt die Wertschöpfung in der Region.“ 

 

Martin Sailer, Landrat Landkreis Augsburg

Wer steht hinter dem Online-Portal? 

Der Einkaufsführer ist ein Projekt der städtischen Fachstelle „Biostadt Augsburg“ und der Öko-Modellregion Stadt.Land.Augsburg. Finanziert wird das neue Portal durch die Stadt Augsburg, den Landkreis Augsburg sowie den Bund Naturschutz. Inhaltlich wird der Einkaufsführer von uns – also der Redaktion des Lifeguide Augsburg – betreut und ist technisch mit unserem Online-Portal verbunden, das die Agentur Elfgenpick betreut. 

„Als Biostadt ist es uns ein Anliegen, es den 300.000 Augsburger*innen leicht zu machen, regionale Bio-Lebensmittel zu finden und damit nachhaltigen Konsum zu stärken. So können wir Stadt und Region Augsburg gut miteinander verbinden.“ 

 

Reiner Erben, Umweltreferent Stadt Augsburg 

Immer aktuell

Das Projektteam hat sich dafür entschieden, dass der Einkaufsführer ausschließlich digital erscheint. So kann er stets aktuell gehalten werden. Akteur*innen und Kunden*innen und können neue Läden, veränderte Öffnungszeiten oder ein erweitertes Sortiment über das Kontaktformular auf der Seite melden. Die neuen Informationen werden dann zeitnah in bio-regional-augsburg.de übernommen. So bleibt der bio-regionale Einkaufsführer immer auf dem neuesten Stand.

Auch Christina Geyer und Alexandra Wagner von der Fachstelle Biostadt Augsburg freuen sich, dass der Einkaufsführer online ist.

„Nachhaltige Ernährung ist für uns ein zentraler Baustein, um unsere Zukunft zu erhalten.“


Alexandra Wagner & Christina Geyer, Fachstelle Biostadt Augsburg

Mehr Bio in Betrieben

Warum es so wichtig ist, bioregional einzukaufen und warum sich auch Betriebe trauen sollen, sich nach biologischen Richtlinien zu zertifizieren, lest ihr in unserem Interview "Ernährungswende durch bio-regionale Lebensmittel"

 

Das Lifeguide-Team freut sich, Inhalte für diesen einzigartigen Einkaufsführer beizusteuern. Falls ihr Orte findet, von denen wir noch nichts wissen, meldet euch unter bioregional@lifeguide-augsburg.de

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Hafnerbauer Gablingen - Im Hofladen vom Hafnerbauern finden Kundinnen und Kunden Bio-Produkte wie Gemüse und Öl aus eigenem Anbau, Eier aus dem Hühnermobil, Brot und andere Leckereien aus der Region.   Ernährungswende durch bio-regionale Lebensmittel - Bio Lebensmittel aus der Region sorgen für mehr Nachhaltigkeit vor Ort. Warum das so ist verraten uns die Expertinnen von der Biostadt Augsburg.   Heimat auf den Teller - Plädoyer für regionale, saisonale Lebensmittel von Laurin Oberneder 

 

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Gemeinwohlökonomie - gut für Mensch und Unternehmen

Gemeinwohlökonomie - gut für Mensch und Unternehmen
Interview mit Christian Felber, dem Initiator der Gemeinwohlökonomie.
Christian Felber, Gemeinwohl-Bilanz, Foto: Cynthia Matuszewski

88% der Deutschen wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung. Der Österreicher Christian Felber hat mit der Gemeinwohl-Ökonomie eine alternative Wirtschaftsordnung entwickelt, in der verfassungsrechtlich festgelegte Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität, Nachhaltigkeit oder Demokratie berücksichtigt und „bilanziert“ werden können und in der Gemeinden und Kommunen ihren eigenen Gemeinwohl-Kodex definieren.

 

Sie sagen, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem im Kern fehlprogrammiert ist, was heißt das?

 

Christian Felber: Der zentrale Systemfehler ist, dass wir das falsche Ziel anstreben und den Erfolg mit den falschen Indikatoren messen. Wir streben die Vermehrung des Geldes und Kapitals als Ziel des Wirtschaftens an. Entsprechend messen wir den Erfolg einer Investition mit der Finanzrendite, den Erfolg eines Unternehmens mit der Finanzbilanz und den Erfolg einer Volkswirtschaft mit dem Bruttoinlandprodukt. Und das, obwohl alle Verfassungen demokratischer Staaten, die etwas über das Ziel des Wirtschaftens aussagen, als Ziel das Gemeinwohl festlegen, am präzisesten die Bayerische Verfassung.

 

Und es ist natürlich nicht schlecht, das Finanzergebnis eines Unternehmens zu messen, aber letztendlich sagt es nichts über den Erfolg eines Unternehmens in Bezug auf die Grundwerte aus. Faktoren wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität, Nachhaltigkeit oder Demokratie spielen in diesen Bilanzen keine Rolle.

 

Deshalb haben wir das Gemeinwohl-Produkt für die volkswirtschaftliche Ebene, die Gemeinwohl-Bilanz für Unternehmen und die Gemeinwohl-Prüfung für Kredite und Investitionen entwickelt.

 

Und wie kann man Gemeinwohl messen?

 

Christian Felber: Wir haben uns methodisch der Messung des Gemeinwohls angenähert. Zunächst einmal: Das Gemeinwohl ist per se nicht definiert, in einer Demokratie muss es demokratisch definiert werden – so wie jeder andere Begriff auch. Wir haben es im ersten Schritt einfach aus den häufigsten Verfassungswerten zusammengesetzt.

"Gemeinwohl ist gleich Menschenwürde plus Gerechtigkeit plus Solidarität plus Nachhaltigkeit plus Demokratie."

Christian Felber, Gründer der Gemeinwohlökonomie

Diese fünf Werte werden in der Gemeinwohlbilanz gemessen. Damit haben wir ein erstes anwendbares Instrument für Unternehmen.

 

Das Gemeinwohl-Produkt würden wir partizipativ in den Kommunen, den kleinsten politischen Einheiten, entwickeln: Die souveränen Bürgerinnen und Bürger komponieren aus den 20 wichtigsten Zielen des Zusammenlebens oder den 20 wichtigsten Aspekten von Lebensqualität ihr Gemeinwohl-Produkt und das wäre dann das Gemeinwohl.

 

 

Das heißt, Gemeinwohl wird jedes Mal anders definiert?

 

Christian Felber: Das möchte man vermuten – die Möglichkeit ist grundsätzlich gegeben, dass es von Kommune zu Kommune anders sei, aber wenn Menschen sich auf die zehn oder 20 wesentlichen Dinge des Seins oder des Zusammenlebens verständigen müssen, dann gehen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass das sogar weltweit konvergent ist. Warum? Aus dem ganz banalen Grund, weil wir alle derselben Spezies angehören und Menschen, egal in welcher Kultur wir leben, die gleichen Grundbedürfnisse haben. Und mit den Zielen und Werten des Zusammenlebens werden schlussendlich unsere Grundbedürfnisse geschützt. Deshalb entstehen überall die gleichen Beziehungswerte und wir vermuten, dass weltweit ganz ganz ähnliche Bausteine für das Welt-Gemeinwohl-Produkt herauskommen werden.

 

Wie sieht so ein Wertekatalog aus, der das Gemeinwohl berücksichtigt? 

 

Christian Felber: Zunächst einmal: Wie sieht er nicht aus: Die Ökonomen haben ja immer geglaubt zu wissen, wie der Mensch sei und haben ihren Homo Oekonomicus in die Welt hinaus gesandt und damit das ökonomische und Zeitgeistdenken über uns Menschen geprägt. Obwohl sie keine Ahnung von Psychologie, Anthropologie, Soziologie oder Glücksforschung haben.

"Wir wissen aber heute, dass nicht ein hoher Geldbetrag oder eine randvolle Geldschatulle uns am stärksten motiviert, sondern gelingende Beziehungen. Sie sind der zentrale Faktor, der uns am ehesten zu Leistungen motiviert und am verlässlichsten zu unserem Glück und Wohlbefinden beiträgt."

Christian Felber

Die Gemeinwohl-Ökonomie beruht auf Verfassungs- und Grundwerten. Und das sind dieselben, die Beziehungen und Gemeinschaften gelingen lassen. Diese positiven Beziehungswerte sind universell und tauchen immer wieder auf:  Von Ehrlichkeit, Vertrauensbildung, Toleranz, Kooperation, Wertschätzung zu Solidarität und Teilhabe. Sie sind zeitlos und in allen Kulturen vorfindbar.

 

Mein persönlicher Weg zum Glück ist das Gelingen von Beziehungen auf vier Ebenen: Beziehung zu mir selbst, Beziehungen zu anderen Menschen, Beziehung zur Natur und zum großen Ganzen. Anhand dieser vier Beziehungs-Ebenen kann man dann die konkreteren Grundbedürfnisse aufschlüsseln. Diese sind tendenziell universell, dahin gehen auch die psychologische Forschung und die Glücksforschung konform. Von Erkenntnis über Autonomie zu Kompetenz, Entfaltung, Gesundheit natürlich, Bindung natürlich, Zugehörigkeit, Teilhabe, Mitbestimmung, Beziehungsqualität, Sicherheit, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Umwelt, Friede. Das waren ungefähr zehn und die sind mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit universell.

 

Eine Anekdote dazu: Ich lade bei meinen Vorträgen die Menschen oft ein, für eine halbe Minute die Augen zu schließen und den glücklichsten Moment ihres Lebens zu erinnern und zu imaginieren. Und dann lade ich sie ein, mit einem Wort diese Erfahrungen oder diesen Moment zu benennen. Und praktisch immer kommen zu 100% Erfahrungen auf den vier Beziehungsebenen. Nämlich Momente der Selbsterkenntnis oder Selbsterfahrung, Beziehung, Liebe, Partnerschaft. Der mit Abstand größter Gewinner ist immer „Geburt“, bei Frauen und Männern gleichermaßen. Dann noch Naturerfahrungen, Sonne, Strand und Bergbesteigungen, sowie spirituelle Erfahrungen. Diese vier.

"Und nie und nie und nie kommt Geld vor. Das ist einfach überhaupt nicht wichtig, wenn man die Frage stellt: Worum geht es mir eigentlich, was macht mich wirklich glücklich." 

Christian Felber

Christian Felber, Begründer der Gemeinwohlökonomie. Foto: Cynthia Matuszewski

Und auch bei meinen Vortragsübungen, wie sich das Gemeinwohl zusammensetzen könnte, da kam Geld auch nicht vor und es wird auch nicht vorkommen. Geld ist ein Mittel, um vielleicht einige dieser Bedürfnisse zu befriedigen, aber es geht letztlich um diese Bedürfnisse und es geht nie auch nur annäherungsweise um Geld an sich.

 

Wie kann man diese Gewichtung, die man auf persönlicher Ebene unmittelbar nachvollziehen kann, auf politischer Ebene realisieren?

 

Christian Felber: Wir haben einen demokratischen Verfassungsprozess entwickelt, für den ein 20-seitiger Leitfaden vorliegt. Die Idee: Es ist ein Prozess von einem Jahr, wo sich die Menschen einer Kommune oder Stadt alle ein bis zwei Monate einen halben oder ganzen Tag treffen. In diesem „kommunalen Konvent“ werden die 20 Schlüsselfragen, die absoluten Grundsatzfragen geklärt: Was ist unser Ziel des Wirtschaftens, welche Werte wollen wir erfüllt sehen, wie messen wir wirtschaftlichen Erfolg? Eine dieser 20 Fragestellungen könnte das Gemeinwohlprodukt sein. Die Ergebnisse werden über eine Delegierte in den Bundeskonvent entsandt, der die finalen Alternativen zu jedem Thema ausarbeitet. Diese werden vom gesamten Souverän (= allen Bürgerinnen und Bürgern) abgestimmt, die Endergebnisse gehen in die zukünftige Verfassung ein – oder sind das demokratische Gemeinwohl-Produkt.

 

Dezentralität und Vielfalt ist ein durchgängiges Erfolgsprinzip. Sowohl in der Natur, als auch bei der Organisation der menschlichen Gesellschaft. Unsere Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie orientiert sich in jeder Beziehung dezentral. Unsere Regionalgruppen existieren bis hinunter zur Kommunalebene. Ganz konkret gibt es jetzt den bayerischen Förderverein als 17. Förderverein in unserer Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie und es gründen sich dann innerhalb von Bayern unterschiedliche Regionalgruppen, wie beispielsweise die Gruppe in Augsburg.

 

Welchen Weg würden Sie der Stadt Augsburg mit knapp 300.000 Einwohner*innen empfehlen?

 

Christian Felber: Den ganz üblichen Weg einer Gemeinwohlgemeinde. Das erste ist, dass in den Kommunalbetrieben Gemeinwohl-Bilanzen erstellt werden. Das hat einen ganz großen Vorteil: Dadurch wird der Öffentlichkeit bewusst, was die Kommunalbetriebe leisten, und zwar über die betriebswirtschaftlichen Zahlen hinaus. Ethische Werte und soziales Handeln kommen ja in der Gemeinwohl-Bilanz so richtig zum Ausdruck. Das schützt die Betriebe dann auch vor Privatisierung, weil sie ihren Mehrwert für die Gesellschaft im Vergleich zu privatwirtschaftlichen Anbietern zeigen können.

"Der zweite Schritt wäre, dass Augsburg die private Wirtschaft motiviert, Gemeinwohl-Bilanzen durchzuführen, sie dafür belohnt, sie dafür ehrt und die Vergabe von Aufträgen an die Gemeinwohl-Bilanz koppelt: Wir kaufen nur bei ethischen Unternehmen."

Christian Felber

Das dritte wäre dann der BürgerInnen-Beteiligungsprozess, der sich wiederum aus zwei Teilen zusammensetzt: Zum einen entwickeln die Menschen Kriterien für das Gemeinwohl-Produkt, damit klar ist, was die wichtigsten Aspekte für Gemeinwohl in der Augsburger Bevölkerung sind. Zum anderen klären sie wie oben beschrieben die 20 Grundbausteine der Wirtschaftsordnung, sie sind der Beginn einer demokratischen Wirtschaftsverfassung.

 

Ein weiteres Element wäre das ethische Finanzsystem, zum Beispiel die bewusste Ansiedlung der Bank für Gemeinwohl. In Augsburg ist es vielleicht noch einfacher, die Sparkassen oder Genossenschaftsbanken dazu anzureizen, eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen. Denn die schlägt sich ja dann wieder in der Gemeinwohl-Bilanz der Kommunen nieder, mit welchen Banken sie Geschäfte machen. Wenn eine Kommune also eine Sparkasse oder Genossenschaftsbank motiviert, eine Gemeinwohlbank zu werden und dann mit dieser zusammenarbeitet, ist das ein doppelt positiver Effekt.

 

Ich komme noch einmal auf die 20 Schlüsselfragen zurück, die von den Bürgerinnen und Bürgern entwickelt werden. Wer würde in diesen Ausschüssen sitzen?

 

Christian Felber: Das ist die Gretchenfrage und wir haben bisher vier verschiedene Varianten entwickelt, wie die Zusammensetzung des Konvents sein könnte und sind offen, dass es noch bessere Verfahren geben kann. 1. Wer kommt, ist da – das halten wir für die mit Abstand schlechteste Möglichkeit. 2. Alle Menschen können kandidieren, die Unterschriften von mindestens einem Promille oder Prozent der Kommunalbevölkerung sammeln. 3. Alle Vereine, die eine Mitgliedschaft von mindestens ein oder drei oder fünf Prozent der Kommunalbevölkerung haben, können einen oder zwei Delegierte entsenden – das ist höchst repräsentativ. Und die vierte Möglichkeit: Zufallsprinzip. Weil es sich bewährt hat. Weil das in den USA und in europäischen Ländern schon praktiziert wurde, mit sehr guten Ergebnissen.

 

Ein Konvent setzt sich aus vielleicht 50 bis 100 Personenzusammen. Die Frage ist: Was ist eine sinnvolle Struktur, wenn man 20 Grundsatzfragen klärt. Wenn man zum Beispiel 20 Arbeitsgruppen mit drei Personen besetzt, hätte das Konvent 60 Mitglieder, bei vier Personen wären es 80 – also zwischen 50 und 100 wäre vermutlich die optimale Größe, unabhängig von der Größe der Kommunen.

 

In einer Kommune gibt es ja eine Vielzahl von Interessen. Wie werden Entscheidungen getroffen? Wie ermitteln Sie Lösungen?

 

Christian Felber: Mit einem Verfahren, dem „systemischen  Konsensieren“. Es werden immer mindestens zwei Alternativen angeboten. Einmal der Zustand, wie er jetzt ist und dann mindestens eine weitere Alternative: Es können aber auch drei, vier, fünf Alternativen angeboten werden. Und dann wird nicht die Zustimmung, sondern der Widerstand gemessen, gegen jeden einzelnen Vorschlag. Es gewinnt der Vorschlag, der den geringsten Widerstand hervorruft. Das ist ein hoch intelligentes und effektives Verfahren, das von zwei Mathematikern der Universität Graz entwickelt wurde und das wir mit Leidenschaft und höchster Zufriedenheit selbst anwenden.

 

Die Philosophie dahinter lautet: Jede Regel, auch die Entscheidung, dass ein Zustand nicht reguliert werden soll, schränkt die Freiheit von manchen Mitgliedern des demokratischen Gemeinwesens ein und löst dadurch einen gewissen Schmerz aus.

"Das Verfahren des systemischen Konsensierens erlaubt es uns, die Regel ausfindig zu machen, die den geringsten Summenschmerz in der Bevölkerung auslöst und die Freiheit von uns allen zusammen genommen so gering wie möglich einschränkt."

Christian Felber

Über 200 Firmen im deutschsprachigen Raum haben sich für die Gemeinwohl-Bilanz entschieden. Seit 2020 gibt es auch in Augsburg und der Region 14 Unternehmen, die gemeinwohlzertifiziert sind. Wie funktioniert das, wenn sich ein Unternehmen für eine Gemeinwohlbilanz entscheidet?

 

Christian Felber: Das ist ein Prozess, auf den sich das Unternehmen seichter oder tiefer einlassen kann. Wir empfehlen sofort tiefer, weil das ist am spannendsten, am lohnendsten und auch am chancenreichsten für die Entwicklung des Unternehmens in seiner Gesamtheit ist. Sprich, dass die gesamte Belegschaft eingeladen wird, die Bilanz mit zu erstellen. Das verteilt gleichzeitig die Arbeit breit. Das haben schon einige Unternehmen gemacht mit sehr sehr guten Erfahrungen und Ergebnissen. Die Grundlage für die Bilanzerstellung ist die Gemeinwohl-Matrix und das zugehörige Arbeitsbuch. Alle unsere Dokumente sind frei zugänglich und können kostenlos gedownloadet werden. Mit Recherche, Diskussion und Verfassen des Berichts sowie dem Testat als Schlussstein dauert der Prozess rund sechs Monate. Das Testat - die Gemeinwohl-Zertifizierung – ist zwei Jahre gültig.

Das Testat wird von einer externen Gemeinwohl-Auditor*in erstellt. Langfristig schwebt uns die Integration von Finanzbilanz und Gemeinwohlbilanz vor. Und eines Tages könnten ganzheitlich ausgebildete Wirtschaftsprüfer*innen den gesamten Unternehmenserfolg prüfen: den Mittelerfolg (Finanzbilanz) und den Zielerfolg (Gemeinwohlbilanz).

 

Wie können ethisch verantwortlich handelnde Unternehmen unterstützt werden, um auch im traditionellen Sinne „wirtschaftlich erfolgreich“ zu werden?

 

Christian Felber: Wir schlagen vor, uns einfach der breiten Palette an wirtschaftspolitischen Anreizinstrumenten, die bereits zur Verfügung stehen, zu bedienen: Steuern, Zölle, Kreditkonditionen, öffentliche Aufträge oder Forschungskooperationen.

 

Je besser die Gemeinwohl-Bilanz, desto weniger Gewinnsteuern oder Zölle muss ein Unternehmen zahlen. Oder es erhält Vorrang im öffentlichen Einkauf. Wichtig ist auch, dass die ethischen Produkte und Dienstleistungen von ethischen Unternehmen für die Konsumentinnen und Konsumenten preisgünstiger werden. Das ist ja heute genau umgekehrt. Derzeit haben die Konsument*innen nur die Möglichkeit, die ethischen Produkte zu kaufen, obwohl sie teurer sind, also wenn sie bereit sind, ihre „Bestrafung“ durch den Markt in Kauf zu nehmen. Und deshalb greifen auch 40 Jahre nach Einführung von „bio“ und „fair“ nur zwischen zwei und vier Prozent zu fairen und ökologischen Produkten.

 

Sie sprechen auch die Kreditvergabe an…

Christian Felber: Wir gründen selbst gerade eine Bank für Gemeinwohl und entwickeln hier Kriterien für eine ethische Kreditprüfung. Als Prüfinstrument für ein Projekt, für eine Investition. Hier noch einmal ein blinder Fleck der klassischen Wirtschaftswissenschaft: Wir messen den Erfolg einer Investition heute mit der Finanzrendite. Und wenn die zweistellig ist, betrachten wir die Investition als außergewöhnlich erfolgreich. Diese Zahl gibt aber keine Auskunft darüber, ob die Investition die Umwelt schont und saniert, oder zerstört, ob es die Ungleichheit vergrößert oder verkleinert, ob Frauen diskriminiert oder gleichbehandelt werden, ob der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt oder geschwächt wird, ob die Demokratie untergraben oder gefördert wird. Nichts dergleichen.

Das sind aber Verfassungswerte, die heiligen Werte dieser Gesellschaft, die geschädigt werden können.

Christian Felber, Initiator der Gemeinwohlökonomie. Foto: Cynthia Matuszewski

"Das heißt die Investitionen können einen ökologischen, kulturellen und humanen Minderwert schaffen anstelle eines Mehrwerts – sie können die Gesellschaft ärmer machen und Gemeinschaftsgüter enteignen! Das fällt aber niemandem auf, weil darüber kein Bericht geschrieben und keine Bilanz gezogen werden muss. Die Gemeinwohlprüfung stellt genau dies sicher."

Christian Felber

Es wird zuerst die Ethikprüfung gemacht und nur wenn keines dieser wichtigen Gemeinschaftsgüter enteignet wird, nur dann wird überhaupt noch die Finanzprüfung gemacht. Und wenn dann beide Prüfungen bestanden sind, dann wird der Kredit vergeben, mit umso besseren Konditionen, je höher der ethische Mehrwert der Investition ist.

 

Ihre Idee gibt es seit 2010 – wie entwickeln sich Ihre Gespräche mit Politikerinnen und Politikern?

 

Christian Felber: Wir sind nach sehr kurzer Zeit mit so gut wie allen politischen Parteien ins Gespräch gekommen, allerdings mit einem radikalen Gefälle von der kommunalen zur Bundesebene. Unsere Mitglieder sind Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus praktisch allen Parteien. Das Interesse bei den Spitzen der Bundesparteien liegt allerdings zwischen „zur Kenntnisnahme“, „leichtes Interesse“ und „erste Gespräche mit Einzelnen“, aber es gibt auch noch das vollkommene Ignorieren.

 

Und wir haben einen sehr großen Erfolg auf EU-Ebene gelandet. Im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) haben 86 % der Ausschussmitglieder das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie für die breitflächige Etablierung eines ethischen Wirtschaftsmodells in Europa Stellungnahme ECO/378 2015 empfohlen. Das ist ein sensationeller politischer Erfolg, auch wenn der Ausschuss kein gesetzgebendes Organ ist. Das bestärkt uns in der Ansicht, dass die Gemeinwohl-Ökonomie ganz tief aus der Mitte der Gesellschaft und ihren Grundwerten kommt. 

 

Das Interview erschien bereits im September 2016 im Lifeguide Augsburg

 

Zur Person:

Christian Felber studierte in Wien und Madrid romanische Philologie und Spanisch, sowie Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie. Er beendete sein Studium 1996 mit einem Magister in romanischer Philologie. Seitdem arbeitet er als freier Publizist und Autor, unter anderem hat er 15 Bücher verfasst oder herausgegeben. Felber ist Mitbegründer von Attac in Österreich und arbeitet an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Graz. 2010 initiierte er das Projekt „Gemeinwohl-Ökonomie“, sowie das Projekt „Bank für Gemeinwohl“.

Seit 2004 ist Christian Felber nebenberuflich auch zeitgenössischer Tänzer, unter anderem beim „Tanzsommer Graz“ .

Website: http://www.christian-felber.at/

Bücher: http://www.christian-felber.at/buecher.php

 

In der Region Augsburg sind folgende Unternehmen seit 2020 gemeinwohlzertifiziert:

 

Hier geht es zu Gemeinwohl-Ökonomie, Regionalgruppe Augsburg

Kontakt: augsburg@list.ecogood.org

 

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Ein spannendes Interview mit Michael Schnitzlein zum Thema Gemeinwohlökonomie findet ihr auch auf der Website Aufgeklärtes Herz

Zur Feier des 15-jährigen Jubiläums von Schloss Blumenthal kommt der Mitinitiator und Visionär der Gemeinwohlbewegung  Christian Felber am 24. September um 19 Uhr zu einem Impulsvortrag nach Blumenthal. Zentrales Thema des Vortrages wird das Gemeinwohl-Prinzip sein.

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Upcycling: Brautmoden von Mia Bride-Style

Upcycling: Brautmoden von Mia Bride-Style
Andrea Roszkopf und Melinda Dmuschewski von Mia-Moden gestalten nachhaltige Brautkleider made in Augsburg.
Brautkleid von Mia Brautmoden. Foto: Evgenia Nether

Was passiert eigentlich mit einem Brautkleid, wenn der Hochzeitstag vorbei ist? Und wohin wandert ein unverkauftes Brautkleid der vergangenen Saison? Im Idealfall zu Andrea Roszkopf und Melinda Dmuschewski. Die beiden Augsburgerinnen geben solchen Kleidern ein zweites Leben.

 

Etwas Schöneres als Bräute bei der Wahl ihres Hochzeitskleides zu unterstützen, das können sich die Schwestern Andrea Roszkopf und Melinda Dmuschewski nicht vorstellen. Mit ihrem Label Mia-Moden lassen sie neue Modelle entstehen. Mia steht für Made in Augsburg, enthält aber auch die Initialen beider Schwestern. Mit dem Label erfüllt sich auch ein Traum von Melinda Dmuschewski, die schon bei Prada in München gearbeitet hat: ein eigenes Label.

 

Nachhaltige Brautkleider entstehen in Schwabmünchen

Das Konzept: Bestehende Kleider werden auseinander genommen und dann in Unikate verwandelt. Die Schneiderin Stefanie Asemann macht dies möglich. In ihrem Atelier in Schwabmünchen setzt sie die Ideen der Schwestern um und zaubert bezaubernde Unikate aus den verschiedenen Bestandteilen. Fehlendes wird mit Biostoffen ergänzt.

 

Die Kleider, die für Mia als Grundlage dienen, stammen aus zwei Quellen. Zum einem aus dem Laden "Die Brautflüsterin“, den Melinda Dmuschewski in der Bäckergasse in Augsburg betreibt. Dort verkauft sie neue Vintage- und Boho-Kleider. Nach der Saison wandern übrige Einzelstücke in den Second Hand Laden „Einzelstück“ ihrer Schwester Andrea in Lechhausen. Diese hat sich auf gebrauchte und Outlet-Kleider spezialisiert.

 

Alles, was dann nicht verkauft werden kann – ob neu oder Second Hand - liefert dann das Material für die neue Kreationen von Mia. „Wir machen  aus den Kleidern vor allem Zweiteiler. Dann kann man die Einzelteile fürs Standesamt und für die kirchliche Trauung unterschiedlich kombinieren,“ erklärt Andrea Roszkopf das Konzept von Mia. „Und auch nach der Hochzeit lassen sich die beiden Teile bei verschiedenen Anlässen gut tragen.“ Das ist dann doppelt nachhaltig!

Nachhaltigkeit auf allen Ebenen

Denn Nachhaltigkeit ist den Gründerinnen besonders wichtig. Kein „Made in China“ kein Einmal-Schnickschnack. Hier wird auf Wiederverwendung gesetzt: Der Laden Einzelstück wurde mit gebrauchten Möbeln eingerichtet, die Schutzhüllen für Kleider werden stets weiterverwendet, Schutzbezüge für die Schuhe sind aus Stoff und werden gewaschen und der Strom kommt aus nachhaltigen Quellen. „So kann ich meinen Anteil für eine lebenswerte Zukunft leisten“, erklärt Andrea Roszkopf.

Sie hat auch einen Tipp für angehende Bräute: Nicht immer findet sich das, was man sich vorgestellt hat auch auf den Stangen im Geschäft. Dann ist es gut, wenn sich Bräute offen auf etwas Neues einlassen. Und das finden die Kundinnen dann bei Mia Bride-Style.

 

INFO:

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Was braucht der Mensch, um glücklich zu sein? Wie wollen wir leben? Wie arbeiten und wohnen? Und wem sollte das Geld dienen? Doch wohl dem Menschen, unserer Umwelt, der Erde. Wir wollen euch dazu anregen, einfach mal den Blickwinkel zu ändern. Hier findet ihr Unternehmer*innen und Initiativen, die etwas Neues ausprobieren – oder etwas ganz Altes wiederbeleben. Hier findet ihr nachhaltige Wirtschafts- oder Lebenskonzepte, die bereits realisiert wurden oder die noch in den Köpfen reifen, Denkanstöße in Richtung Nachhaltigkeit und vieles mehr. Euer Input: redaktion@lifeguide-augsburg.de

nunc sustainability consulting

nunc sustainability consulting
Lukas Vollmann, Laurin Flörke und Julius Engbert bieten Nachhaltigkeitsberatung für Unternehmen. Der Volkswirt, der Geograph und der Betriebswirt sind der Meinung, dass Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit keine gegensätzlichen Größen sind.
NUNC, Augsburg, Unternehmensberatung, Julius Engbert, Laurin Flörke und Lukas Vollmann. Foto: NUNC

 

"Die globale Klimakrise ist eine der größten Herausforderungen der Menschheit, die jetzt angegangen werden muss! Der voranschreitende Klimawandel wird auch hierzulande immer spür- und erlebbarer. Und sowohl die Konsument*innen als auch die Arbeitnehmer*innen von heute erwarten verantwortungsbewusstes, ökologisches Handeln." Laurin Flörke, nunc.

Lukas Vollmann, Laurin Flörke und Julius Engbert sind „nunc“, eine junge Augsburger Nachhaltigkeitsberatung für Unternehmen. Ihren Namen haben der Volkswirt, der Geograph und der Betriebswirt ganz bewusst gewählt: Das lateinische Wort nunc bedeutet „jetzt“ und steht für die Dringlichkeit mit der die Klimakrise bekämpft werden muss.

 

Die Erkenntnis, dass es speziell in der Unternehmenswelt noch sehr viel unausgeschöpftes Potenzial im Nachhaltigkeitsbereich gibt, führte zu der Gründung von nunc. "Wir kommen aus den unterschiedlichsten Studienrichtungen, aber der Wille unseren Teil zum Kampf gegen die Klimakrise beizutragen verbindet uns alle drei. Echte Nachhaltigkeit in die Unternehmenswelt zu bringen, das ist unsere Mission und die Vision, die uns gemeinsam antreibt," beschreibt Julius Engbert, der  Volkswirt und Politologe unter den Gründern ihre gemeinsame Motivation.

 

Dabei sind Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit keine gegensätzlichen Größen, so die Überzeugung der drei Berater. Wer als Unternehmen wettbewerb- und zukunftsfähig bleiben möchte, muss den Veränderungsprozess zu einem ressourceneffizienten, nachhaltigen Wirtschaften vollziehen. Nachhaltigkeit ist dabei ein unabdingbarer und positiver Wirtschaftsfaktor. "Wir bei nunc sind der Überzeugung, dass der reine Verzicht nicht die treibende Kraft in diesem Wandel sein kann. Es gilt Lösungen zu finden auf die Frage: Wie lassen sich Lebensqualität, echte Nachhaltigkeit und Profit innerhalb der planetarischen Grenzen vereinbaren und gleichermaßen verbessern?", fragt Betriebswirtschaftler Lukas Vollmann.

"Einfach gesagt geht es darum, gemeinsam mit den Unternehmer*innen zu überprüfen, wie sich die eigenen Geschäftstätigkeiten in allen Bereichen auf Umwelt und Gesellschaft auswirken. Unser Ziel ist es, echte Nachhaltigkeit und Effizienz in alle Unternehmensbereiche gewinnbringend zu integrieren, um dies dann auch nach außen tragen zu können.“ Laurin Flörke, Geograph

In einem gemeinsamen Prozess mit den Unternehmer*innen finden die drei Berater innerhalb des jeweiligen Betriebes die passende Antwort auf diese Frage. Nunc hilft vorwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU), Start-Ups und Vereinen dabei, Nachhaltigkeit in ihr Geschäftsmodell zu integrieren.

Das Beratungsportfolio reicht von der Strategieberatung über das ESG Management bis hin zur Kommunikation nach außen und innen. ESG steht für Environmental Social Governance (zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) und ergänzt den CSR-Begriff (Corporate Social Responsibility) um den Umweltaspekt.

Nunc unterstützt Unternehmen außerdem dabei, ihren Umweltbericht zu verfassen oder den Product- und den Corporate Carbon Footprint zu berechnen, also den CO2-Fußabdruck einer Firma und ihrer Produkte. Auch die Formulierung einer Klimastrategie gehört zum Angebot der Augsburger Nachhaltigkeitsberatung.

 

INFO:

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Open Factory: Ein Tag bei Tatonka in Vietnam

Open Factory: Ein Tag bei Tatonka in Vietnam
Der Rucksackhersteller aus Dasing öffnet in HoChi Minh Stadt jede Woche seine Fabriktore. Stefan Heller war vor Ort und berichtet von seinem Besuch.
Besuch in der Open Factory von Tatonka in Ho Chi Minh City. Hier lässt Tatonka beim 100 prozentigem Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. nach europäischen Standards fertigen. Foto: Stefan Heller

Das Schwäbische Unternehmen hat das Werk Ende der achtziger Jahre in kompletter Eigenregie gebaut und sich freiwillig verpflichtet, nach europäischen Standards zu fertigen. Jeden Freitag öffnen sich für Interessierte die Fabriktore: Reportage von Stefan Heller 

 

Frühjahr 2018, die Boom-Metropole Ho Chi Minh Stadt im Süden Vietnams: Es ist tropisch heiß und ich bin mit einem Mototaxi auf dem Weg zu der Rucksackfabrik von Tatonka aus Dasing bei Augsburg. Die deutsche Tatonka GmbH unterhält in Vietnam ein 100 prozentiges Tochterunternehmen – die Mountech Co.Ltd. -  in deren eigenen Fabriken in Ho Chi Minh City und Anh Nhon in Vietnam Outdoor-Produkte hergestellt werden. Das Schwäbische Unternehmen hat das Werk in Ho Chi Minh City Ende der achtziger Jahre in kompletter Eigenregie gebaut und sich freiwillig verpflichtet, nach europäischen Standards zu fertigen. Jeden Freitag öffnet das Werk in Ho Chi Minh City seine Tore und jeder kann sich persönlich vom nachhaltigen und sozialen Engagement der Firma Tatonka überzeugen. Open Factory heißt das Konzept und ich bin nun hier, um mir davon selbst ein Bild machen zu können.

 

Freundlich werde ich am Empfang begrüßt und man weiß sofort, weswegen ich hier bin: Als Europäer falle ich auf. Außerdem bin ich heute der einzige Gast. Ich werde Herrn Nguyễn Thái Dương übergeben und gehe mit ihm in einen Besprechungsraum. Der Nachname wird in Vietnam immer vor den Vornamen gestellt. Nguyễn ist ein gebräuchlicher Nachname, den zirka 40 Prozent aller Vietnamesen tragen. Bevor es losgeht wird ein offizielles Foto von uns beiden geschossen.

 

 

Barfuß in die Ideenzentrale

Vom kühlen Treppenhaus geht es sofort in die „Ideenzentrale“ des Werkes. Doch bevor wir den Raum betreten, werde ich von Herrn Nguyễn freundlich darauf hingewiesen, meine Schuhe auszuziehen. In Vietnam betritt man jeden privaten Raum ohne Schuhe. Diese kleine Geste zeigt mir, welchen Stellenwert die Fabrik für ihre Angestellten hat. Barfuß betrete ich eine kleine Halle. Hier kommen neue Ideen, Designs und Informationen aus Dasing an und werden in die Realität umgesetzt. Im kleinen Stil werden in der Mustermacherei die sogenannten Samples hergestellt, die für die nächste Saison vielleicht in die Serienproduktion gehen sollen.

 

Die heutige Tatonka GmbH mit Sitz in Dasing wurde 1981 durch Winfried Schechinger gegründet und befindet sich seither im Familienbesitz. Sein Sohn Andreas Schechinger ist heute Geschäftsführer und mehrmals im Jahr für einige Wochen in Vietnam. Das Tochterunternehmen Mountech Co.Ltd. wurde 1989 komplett in Eigenregie errichtet und wird seitdem auch in Eigenregie geführt.
Mountech stellt für Tatonka nicht nur die Eigenmarken Tatonka mit den verschiedensten Rucksäcken, Zelten und Taschen her. Hier werden auch die Rucksäcke für deutschen Rettungskräfte mit der Marke PAX hergestellt oder die Rucksäcke für die Eisenbahner der Deutsche Bahn, welche man des Öfteren an hiesigen Bahnhöfen bei Schichtwechsel zu Gesicht bekommt. Sogar für Militär und Polizei werden bei Mountech Rucksäcke und Ausrüstung unter dem Markennamen Tasmanian Tiger produziert. Herr Nguyễn führt mich durch den Raum mit den fertigen Samples für die nächste Saison, wo ich alle Marken entdecken kann.

 

Nachdem ich meine Schuhe wieder angezogen habe gehen wir runter in die Lagerhalle. Hier ist reichlich Platz in den Gängen und alles blitzsauber. Gut so, denn die Schuhe bleiben wieder vor der Tür. Ein großes Regal mir Stoffrollen tut sich vor mir auf. Um die Rollen körperschonend aus dem Regal holen zu können, lagern die schweren unten und die leichten oben, daneben ein Behältnis mit vielen Metern blauen und roten Reißverschlüssen. Die Materialien selbst werden nicht in Vietnam produziert, sondern aus anderen asiatischen Ländern importiert. So kommen 80 Prozent der Waren aus Südkorea, der Rest aus Indien, China und Malaysia. Ein Arbeiter holt gerade Nachschub für seine Kollegen.

 

 

Hohe Sicherheitsstandards

Wir betreten jetzt eine weitläufige Halle mit angenehmem Tageslicht. Hier werden mehrere Stoffbahnen auf einmal zugeschnitten. Als ich mir das genauer anschauen will, zieht mich Herr Nguyễn schnell zurück, denn beinahe hätte ich eine gut sichtbare gelbe Linie am Boden überschritten. Dahinter fährt ein Mitarbeiter auf dem Schlitten einer automatischen Stofflegemaschine schnell hin und her. Die bis zu 50 Lagen hohen Stoffbahnen werden anschließend präzise mit Schablone und elektrischem Stoßmesser zugeschnitten. Hier sind Sicherheitshandschuhe Vorschrift, damit kein Finger im späteren Rucksack landet. Stolz wird mir die Stanzmaschine für kleinteilige Stoffteile gezeigt.

Im Treppenhaus schlüpfe ich wieder in meine Schuhe. Während ich die Treppe hochgehe, muss ich unwillkürlich an das Rana-Plaza-Unglück in Bangladesch denken, wo 2013 über 1.000 Näherinnen starben, weil sie sich nicht rechtzeitig aus einem neunstöckigen Hochhaus retten konnten, das in sich zusammenfiel. Das Produktionsgebäude von Mountech hat nur zwei Stockwerke, die Treppenhäuser sind breit, die Fluchtwege gut gekennzeichnet.
Wieder barfuß betrete ich das Herzstück der Produktion, die Nähhalle. Auch hier breite, saubere Gänge, helle Beleuchtung, reichlich Platz.

 

Per Knopfdruck bitten die Näherinnen um Hilfe

Die Arbeiterinnen sitzen hintereinander aufgereiht an ihren Tischen und fügen aus unzähligen Teilen einen Rucksack zusammen.  Sie haben verschiedenfarbige Shirts an, die ihre Funktion im Team aufzeigen. Die Näherinnen und Näher sind Grün, die Zuarbeiter*innen hell-orange und die höher gestellten Produktionshelfer*innen lila gekleidet. Über jedem Arbeitsplatz hängen zudem drei Glühlampen in rot, gelb und grün, die von den Näherinnen betätigt werden können, wenn ihnen die Ware ausgeht, sie technischen Support brauchen oder einfach einmal zwischendurch auf Toilette müssen.

 

 

Der TÜV Rheinland war hier

Obwohl es hier wie in einem Bienenstock zugeht, wirken die Mitarbeiter*innen allesamt auf ihre Arbeit fokussiert, aber nicht gehetzt. Tatonka hat seine Produktionstätten der Mountech Co. Ltd. 2011 durch den TÜV Rheinland nach mit dem Sozialstandard SA-8000 zertifizieren lassen. Dieser garantiert die Einhaltung sämtlicher Menschenrechte und sozialen Standards nach internationalen Kriterien im Produktionsablauf und wird alle drei Jahre kontrolliert, zuletzt 2017. So sind die Kernarbeitszeiten für die rund 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Vietnam von 7:30 bis 16:30 Uhr. Es gibt drei Pausen, normal ist in Vietnam nur eine Pause. Außerdem steht den Mitarbeiter*innen eine Kantine zur Verfügung. Für die vielen weiblichen Arbeiterinnen existiert zudem Schwangerschaftsschutz. Alle Angestellten sind über 17 Jahren alt, die meisten Angestellten haben ein Alter zwischen 24 und 35 Jahren.

 

 

Der finale Rucksack

Jetzt kommt eine besonders wichtige Station. Aber erstmal: Schuhe an, Treppenhaus, Schuhe aus. Nun befinden wir uns in der Endmontage und der Qualitätskontrolle. In kleinen Gruppen sitzen Männer auf dem Fußboden und arbeiten konzentriert. Jeder Riemen und jede Öse wird per Hand in die Rucksack- Halterung gezogen. Bänder werden festgezurrt oder Reißverschlüsse zugezogen. Am Schluss sehen die Rucksäcke wie im Laden aus – alles Handarbeit. Die Qualitätssicherung überprüft jeden einzelnen Rucksack oder jedes Zelt auf Fehler. Erst wenn alles in Ordnung ist, wird die fertige Ware nach Deutschland gebracht. Einen Rucksack kann ich mir hier nicht kaufen, denn einen Werksverkauf gibt es nicht. Alle Rucksäcke werden nach Deutschland transportiert, Überproduktionen werden so also nicht vor Ort zu Dumpingpreisen angeboten um Bonus oder Zuverdienst für die Mitarbeiter zu generieren, wie es häufiger mit anderen Markenprodukten geschieht.

 

Ich nehme meine Schuhe und gehe mit Herrn Nguyễn zurück in das Verwaltungsgebäude. Das war für mich ein wirklich interessanter und aufschlussreicher Vormittag in den Produktionshallen Tatonkas in Südost-Asien. Die erfolgreiche Produktion hat Tatonka und Mountech dazu verlasst in Anh Nhon in der Province Binh Dinh etwa 650 Kilometer nördlich von Ho Chi Minh City eine zweite Fabrik in Vietnam zu errichten. Das Unternehmen zeigt also, dass Waren aus der Textilbranche entgegen der landläufigen Meinung sehr wohl fair hergestellt werden können, ohne auf den notwendigen Profit als Wirtschaftsunternehmen verzichten zu müssen.

 

 

INFO: Tatonka

Ein Interview mit Tatonka-Geschäftsführer Andreas Schechinger findet ihr hier.

Tatonka ist ein junges bayerisches Familienunternehmen – mittlerweile in der zweiten Generation. Der Firmengründer Winfried Schechinger erkannte frühzeitig in Deutschland und Europa einen wachsenden Markt für Outdoor-Produkte und gründete bereits 1980 die Mountain Sport GmbH zum Vertrieb von Sportartikeln. Im Jahr 1993 entstand die Marke Tatonka und die Firma wurde in TATONKA GmbH umbenannt.

  • Gründung 1981
  • Sitz Dasing, Bayern
  • Leitung Andreas Schechinger (Geschäftsführer)
  • Mitarbeiter*innen 65 in Dasing, 800 in Vietnam
  • Branche Outdoor-Textilien und Ausrüstung

Open Factory
Open Factory heißt „Offene Fertigung“: Einmal in der Woche öffnet Mountech Co.Ltd., die Produktionsstätte von Tatonka in Vietnam, ihre Türen. Alle, die es interessiert – Verbraucher, Händler, Journalisten, Wirtschaftsfachleute, NGO-Vertreter, können die Fertigung bei laufendem Produktionsbetrieb besichtigen.

Innerbetriebliche Regelungen
Die innerbetrieblichen Regelungen orientieren sich an den Gesetzen der Volksrepublik Vietnam, an den Gewerkschaftsbestimmungen des Landes und an der betrieblichen Mitbestimmung.
Die Regelungen betreffen:

  • Arbeitszeit
  • Pausen
  • Urlaub
  • Lohnsystem
  • Überstundenregelung
  • Mittagessen / Abendessen
  • Sozialversicherung
  • Kinderarbeit und Mutterschutz
  • Ausbildung/Weiterbildung
  • Arbeitssicherheit, Brandschutz, Hygiene

www.tatonka.com

Die kostenlosen Führungen finden jeden Freitag um 10 Uhr vormittags in englischer Sprache in Ho Chi Minh Stadt in Vietnam statt. Eine Anmeldung für die Führung ist auf der Seite der Open Factory online notwendig. Anmeldung und weitere Informationen hier.

Erstveröffentlichung dieser Reportage im Lifeguide am 27.7.2018

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Gut leben statt viel haben

Gut leben statt viel haben
Perspektiven der Suffizienzpolitik: Interview mit der Ökonomin und Systemanalytikerin Professor Angelika Zahrnt
Professor Angelika Zahrnt, Foto: Cynthia Matuszewski

Brauche ich ein Auto tatsächlich als persönlichen Besitz, oder käme ich auch gut klar, wenn ich mich einem Car-Sharing anschließe?

Die Ökonomin und Systemanalytikerin Professor Angelika Zahrnt widerspricht der Meinung, dass die Suche nach gutem Leben reine Privatsache ist, die von der Politik belächelt und weitgehend ignoriert werden kann. Sie sieht auch die Politik in der Pflicht und zeigt Perspektiven der Suffizienzpolitik auf.

 

Was ist Suffizienz?

Prof. Angelika Zahrnt: Der Begriff ist eher etwas ungewohnt, er kommt aus dem Lateinischen von dem Wort sufficere und das heißt genügen. Und er wird in dem Sinne gebraucht, dass es Lebensstile gibt, die genügsam sind, sowohl in ihren materiellen Ansprüchen, als auch bei der Inanspruchnahme von Natur, von Ressourcen und von Energie. Es ist wichtig Suffizienz im Zusammenhang mit einem anderen Begriff zu sehen, der in der ökologischen Debatte eine dominierende Rolle spielt: der Effizienz.

Wir haben derzeit in den Industriestaaten eine Art zu leben und zu wirtschaften, die so viel Energie und Ressourcen braucht, dass dieser Lebens- und Konsumstil weder weltweit zu übertragen noch langfristig fortzusetzen ist.

Die Forderung aus der nachhaltigen Entwicklung ist, dass die Menschen in den Industriestaaten in ihren Ansprüchen zurückgehen müssen, wenn der Klimawandel gestoppt werden soll, wenn andere Menschen auf der Erde auch Entwicklungschancen haben sollen.

Die politischen Zielgrößen dafür sind, dass wir bis zur Mitte des Jahrhunderts beim CO2 Ausstoß in den Industriestaaten um 90% weniger ausstoßen sollten und den Verbrauch von Energie und anderen Rohstoffen gleichfalls in dieser Größenordnung reduzieren.

Jetzt ist die Frage, wie kommt man diesen Zielen näher, wie erreicht man sie? In technischer Hinsicht könnten wir Produkte sehr viel effizienter herstellen und diese Produkte in der Nutzungsphase auch sehr viel effizienter machen. Auf der anderen Seite geht es darum, wie wir mit den technischen Möglichkeiten umgehen und die Frage, ob wir unsere Wünsche auch anders erfüllen können, als mit Hilfe eines Produktes.

Der Schlüssel ist ein anderes Verhalten. Das hört sich jetzt sehr abstrakt an, deshalb würde ich das gern an einem Beispiel aus dem Bereich der Mobilität festmachen, dem Auto. Wer auf Effizienz setzt, überlegt, mit welchen technischen Mitteln man Autos spritsparender machen könnte oder setzt auch auf Elektromobilität. Wenn ich also ein ökologisch denkender Mensch bin und in den Kategorien der Effizienz denke, dann überlege ich, welches ist das Auto mit einem Motor, der am wenigsten Sprit braucht, lasse aber meine sonstigen Ansprüche, was die Größe, die technischen Einbauten und den Komfort des Autos angeht, völlig unangetastet bestehen. Das ist die Effizienzschiene. Wenn ich aber in Kategorien der Suffizienz denke, dann stelle ich mir eine andere Frage: Brauche ich all die technischen Zusatzleistungen, die Gewicht und Energieverbrauch bedeuten? Brauche ich ein Auto tatsächlich als persönlichen Besitz, oder käme ich auch gut klar, wenn ich mich einem Car-Sharing anschließe? Ich überdenke also mein gesamtes Anspruchsdenken und mein Mobilitätsverhalten.

 

Ist Suffizienz dann nicht nur eine Möglichkeit für unsere Zukunft, sondern eine Notwendigkeit?

Prof. Angelika Zahrnt: Darüber wird gestritten. Manche Menschen glauben, dass wir den Klimawandel und CO2-Ausstoß allein mit technischer Effizienz hinbekommen, weil die Ingenieure so erfindungsreich sind und es auch so viele Möglichkeiten gibt, neue Ressourcen zu erschließen. Weil auf dem Meeresboden in 3.000 Metern Tiefe noch Rohstoffe lagern, die wir ja auch für uns nutzen werden können. Also da gibt es die Meinung, dass man die Grenzen der Technik so erweitern kann, dass man immer mehr Ressourcen gewinnen kann und mehr Technik, um die Schadstoffe, die wir produzieren massiv zu reduzieren oder unschädlich zu machen. Diese Richtung setzt sehr stark und vorrangig auf Technik.

Die andere Seite sagt, das ist zwar sehr wichtig, sich weiter technische Möglichkeiten einfallen zu lassen, aber es gibt auch Erfahrungen, dass technische Verbesserungen nur bedingt etwas bringen. So hat der „VW-Käfer“-Nachfolger „Beetle“ des Jahres 2013 zwar einen sehr viel effizienteren Motor als ein „Käfer“ der 1960iger Jahre. Aber er ist auch viel besser ausgestattet, somit schwerer und deutlich höher motorisiert. Oftmals werden effiziente Produkte intensiver genutzt (z.B. wird mit dem sprit- und geldsparenden Auto mehr gefahren) oder zusätzlich angeschafft (wie z.B. ein Elektroauto als Zweitauto).

Wenn ich überzeugt bin, dass Fahrradfahren auf vielen Strecken die sinnvollere Fortbewegung ist, als Autofahren, dann habe ich immer noch individuell das Problem, dass ich nicht ungefährdet Fahrradfahren kann, weil es keinen Fahrradweg gibt.

Lifeguide: Ist die Suche nach dem guten Leben Privatsache und die Politik sollte sich da heraushalten?

Prof. Angelika Zahrnt: Nein, ich denke, dass das so nicht funktioniert. Mein Lebensstil ist nicht nur eine Frage, die ich individuell entscheiden und bestimmen kann. Die Art, wie ich lebe, ist sehr stark abhängig von dem Umfeld in dem ich lebe. Wenn ich überzeugt bin, dass Fahrradfahren auf vielen Strecken die sinnvollere Fortbewegung ist, als Autofahren, dann habe ich immer noch individuell das Problem, dass ich nicht ungefährdet Fahrradfahren kann, weil es keinen Fahrradweg gibt. Ob ich mich mit dem Fahrrad bewegen kann ist also abhängig davon, dass es eine entsprechende Infrastruktur gibt. Das Gleiche gilt für öffentliche Verkehrsmittel: Wenn es überhaupt keinen ÖPNV gibt, oder nur wenige Verbindungen am Tag, dann ist meine ökologische Überzeugung letztlich nicht wirksam, wenn ich sie nicht realisieren kann. Und von daher ist Politik gefordert, solche Infrastrukturen bereitzustellen, die mir ein Verkehrsverhalten ermöglicht, das mir bekommt, weil ich mich gesund fortbewegen kann und das der Umwelt bekommt, indem es keinen CO2-Ausstoß verursacht. Wenn nicht die entsprechende Infrastruktur vorhanden ist, werde ich meine Kinder nicht motivieren, ihren Schulweg mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückzulegen. Wenn die Ampelanlagen oder Fußwege fehlen, muss ich notgedrungen zum Auto greifen.

 

Lifeguide: Sie befürworten also eine Mischung aus Regeln und freiwilligen Maßnahmen?

Prof. Angelika Zahrnt: Beim Fahrradfahren geht es darum, dass der Staat die Infrastrukturen schafft und dass ich individuell die Bereitschaft habe, sie zu nutzen. Es gibt aber auch andere Situationen, da befürworte ich eine Reglementierung des Staates, beispielsweise beim Tempolimit:  Die netten Schilder am Straßenrand „Fahr vorsichtig“ setzten auf eine freiwillige Leistung. Aber sobald Sie ein Tempolimit von 30 km/h haben, Straßenverengungen und auch mal Tempokontrollen, funktioniert das wesentlich besser.

Ich befürworte eine Änderung der Prioritäten. Jetzt sind Fußgänger in der Verkehrshierarchie ganz unten angesiedelt sind. Das sollte sich ändern.

Befürworten Sie ein Tempolimit auf Autobahnen?

Prof. Angelika Zahrnt: Ja, das hat viele positive Facetten: Es ist für die Reduzierung des CO2-Ausstoßes wichtig, es ist für die Gesundheit wichtig, denn die Unfallzahlen würden massiv heruntergehen – gerade auch in Hinblick auf schwere Unfälle. Und es ist in Hinblick auf ein gutes Leben wichtig, denn Sie können entspannter fahren, weil kein Raser drängelt.

 

Was wünschen Sie sich für Fußgänger?

Prof. Angelika Zahrnt: Ich befürworte eine Änderung der Prioritäten. Jetzt sind Fußgänger in der Verkehrshierarchie ganz unten angesiedelt sind. Das sollte sich ändern. Es gibt gute Beispiele in Graz und Garmisch Partenkirchen, wo Ampelschaltungen mit „Dauergrün“ den Fußgängern Vorrang geben. Städte sollen nicht nur Einkaufszentren mit möglichst viel Werbung sein und Autofahrer sollten hier nicht mehr den größten Raum okkupieren.

Städte können vielfältige Aktionszentren für Begegnungen, Bewegung und Sport werden, in denen auch Menschen mit geringerem Einkommen ein gutes Leben führen können. Dazu braucht man öffentliche Plätze, wo man kostenlos sitzen kann, oder grüne Netze in Städten, wo man von einem Park zum anderen gehen kann. Auch Flüsse werden zu einem lebendigen Element, Augsburg mit der Renaturierung der Wertach ist ein hervorragendes Beispiel. Wichtig ist das Unorganisierte, das Beiläufige, das Unverbindliche, Überraschende und Spontane. Das verbessert die Lebensqualität.

 

Eine andere Maßnahme, bei der Sie die Reglementierung durch die Politik befürworten  ist das Verbot von Lebensmittelwerbung, die sich an Kinder unter 12 Jahren wendet.

Prof. Angelika Zahrnt: Ja, bei der Lebensmittelwerbung für Kinder ist das Problem, dass pfiffige, kindgerechte Werbespots Kinder animieren, Süßigkeiten zu kaufen. Ernährungsexperten sagen, dass sich die falschen Ernährungsgewohnheiten, die in der Kindheit geprägt werden, auch bei Erwachsenen weiter fortsetzten und schwer zu verändern ist. Das Problem sind also übergewichtige Kinder und später übergewichtige Erwachsene. 2013 hat die Bundesregierung mit der Lebensmittelindustrie eine freiwillige Vereinbarung zur Reduzierung von Lebensmittelwerbung für Kinder und Jugendliche unter 12 Jahren getroffen. Seitdem hat sich  nichts geändert.

Das ist das Problem mit freiwilligen Vereinbarungen. Die Politik ist davon immer sehr begeistert, weil das am wenigsten Widerstand in der Wirtschaft hervorruft. Aber diese Vereinbarungen sind auch wenig wirksam. Versprechen wie „Das machen wir schon“, oder „Wir bemühen uns“, reichen nicht. Deshalb sage ich, freiwillige Vereinbarungen kann man treffen, aber in diesen freiwilligen Vereinbarungen muss ein Zeitrahmen festlegt sein, in dem diese Maßnahmen greifen oder den gewünschten Effekt erzielen. Ist dies nicht der Fall, werden entsprechende Gesetze gemacht.

In Bezug auf die Lebensmittelwerbung befürworte ich eine Regelung wie in Schweden. Dort darf sich Lebensmittelwerbung prinzipiell nicht an Kinder unter Jahren 12 Jahren richten.

Städte können vielfältige Aktionszentren für Begegnungen, Bewegung und Sport werden, in denen auch Menschen mit geringerem Einkommen ein gutes Leben führen können. Dazu braucht man öffentliche Plätze, wo man kostenlos sitzen kann, oder grüne Netze in Städten, wo man von einem Park zum anderen gehen kann. Auch Flüsse werden zu einem lebendigen Element

Sie halten auch eine Anhebung der Mehrwertsteuer auf Fleisch für sinnvoll?

Prof. Angelika Zahrnt: Es gibt einen allgemeinen Mehrwertsteuersatz von 19% und einen reduzierten Mehrwertsteuersatz von 7%. Fleisch wird, genauso wie andere Lebensmittel, mit 7% Mehrwertsteuer belegt. Aber Fleisch ist ein Produkt, dessen Konsum bedenklich ist, weil es in größeren Mengen der Gesundheit nicht bekommt, weil die Produktion von Fleisch mit viel CO2-Ausstoß und zumeist Massentierhaltung verbunden ist. Von daher sollte man Fleisch nicht mit dem bevorzugten, sondern dem generellen Mehrwertsteuersatz von 19% belegen. Das würde das Fleisch entsprechend teurer machen und damit den Fleischkonsum verringern. Außerdem würde Fleisch wieder zu etwas Besonderem, es würde einen höheren Wert bekommen. Diese Maßnahme wird auch von Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung  vorgeschlagen.

 

In Bezug auf Suffizienz sollte sich ja auch die Aufgabe der Verbraucherzentralen verändern …

Prof. Angelika Zahrnt: Ja, die Verbraucherzentralen sollten ihre Beratung erweitern. Die Kernfrage darf nicht mehr lauten: Welches ist das preiswerteste Modell auf dem Markt? Sondern: Brauchen Sie das Produkt überhaupt, oder gibt es eine andere Variante? Verbraucherzentralen sollten sich trauen, auch einmal zu einem Nichtkauf zu raten und auf andere Nutzungsform hinweisen. Beispiel neues Auto: Hier kann durchaus geklärt werden, ob ein kleineres Modell in Frage kommt oder Carsharing und Leihwagen eine Option sind.

Ein weiteres wichtiges Beratungskriterium sollte sein: Wie langlebig ist ein Produkt, ist es auf lange Sicht preiswert, weil ich es reparieren kann? Hier ist parallel wieder die Politik gefragt, indem sie längere Garantiezeiten einführt. Eine weitere Kernfrage könnte lauten: Muss die Neuanschaffung in der Größenordnung gekauft werden? Oder haben sich die Ansprüche verändert? Reicht womöglich eine kleinere, preiswertere  Variante, weil sich die Lebensumstände verändert haben?

 

Als Indikator für Wohlstand wird das Bruttoinlandsprodukt angesehen. Sie wollen diesen Indikator verändern. Wie sähe Ihr Indikator aus?

Prof. Angelika Zahrnt: Ein Wohlstandsindikator sollte mehrere Aspekte für ein gutes Leben berücksichtigen. Zur Abbildung der wirtschaftlichen Seite ist weiterhin das Bruttoinlandsprodukt geeignet. Aber zusätzlich benötigen wir drei weitere Indikatoren: Die Soziale Gerechtigkeit: Ihre Kenngröße ist der GINI–Index, ein Maßstab, der anzeigt, wie Einkommen und Vermögen innerhalb der Gesellschaft verteilt sind.

Den ökologische Fußabdruck: Das ist eine Zahl, die anzeigt, welche Konsequenzen der Konsum für die Natur und Umwelt hat - bei uns und in den Herkunftsländern. Und schließlich die subjektive Zufriedenheit der BürgerInnen.

Wenn man diese vier Indikatoren zugrunde legt, verliert das Bruttosozialprodukt an Gewicht, weil man gleichzeitig berücksichtigen muss, dass beispielsweise unsere Inanspruchnahme von Natur gestiegen ist. Was hilft uns ein hohes Bruttoinlandsprodukt, wenn wir Natur und Umwelt  zerstören? Was bringt die Vielfalt an Gütern, wenn die Artenvielfalt verschwindet?

Die Verbraucherzentralen sollten ihre Beratung erweitern. Die Kernfrage darf nicht mehr lauten: Welches ist das preiswerteste Modell auf dem Markt? Sondern: Brauchen Sie das Produkt überhaupt, oder gibt es eine andere Variante?

Ihrer Meinung nach liegt das Glück jenseits von Konsum?

Prof. Angelika Zahrnt: Dazu muss man nicht viel recherchieren, man muss sich nur im eigenen Freundeskreis und in der Nachbarschaft umsehen und schauen, ob die Menschen, die am meisten konsumieren, die die längsten Fernreisen machen und die größten Statussymbole besitzen auch die ausgeglichensten, zufriedensten und fröhlichsten Leute sind.

Wer Jahr für Jahr immer die neuesten Produkte kaufen möchte, benötigt dafür mehr Einkommen und Zeit. Eine menschliche Beziehung hingegen muss zwar auch gepflegt werden, aber um daraus Zufriedenheit zu gewinnen, benötigt man nicht mehr Einkommen.

Persönliches Glück kann ganz traditionell aussehen: Man macht Musik, legt einen Gemüsegarten an, repariert seine Sachen selber, ist mit anderen Menschen gemeinsam aktiv. Die Tatsache, wieder stärker Herr oder Frau des eigenen Lebens zu werden, beglückt. Die Menschen genießen ihre eigene Kompetenz, weil sie nicht alles kaufen oder jede Dienstleistungen in Anspruch nehmen müssen, sondern weil sie die Dinge auch wieder selber machen können und sich gegenseitig unterstützen.

 

Zur Person: Professor Angelika Zahrnt ist ökologische Ökonomin und Systemanalytikerin. Sie war von 1998 bis 2007 Bundesvorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). 2001 bis 2013 war sie Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. 2009 hat sie in Augsburg den Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) erhalten. Zu ihren wichtigsten Initiativen zählen die beiden Nachhaltigkeitsstudien „Zukunftsfähiges Deutschland“ von 1996 und 2008 sowie die „Ökologische Steuerreform“. 2010 gab sie gemeinsam mit Irmi Seidl das wachstumskritische Buch „Postwachstumsgesellschaft“ heraus. 2013 veröffentlichte sie gemeinsam mit Uwe Schneidewind das Buch „Damit gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik“.

 

INFO: Dieses Interview erschien bereits im August 2016 im Lifeguide Augsburg

 

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Interview und Foto: Cynthia Matuszewski

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Gemeinwohl-Ökonomie

Gemeinwohl-Ökonomie
Ziel: Die Wirtschaft soll dem Gemeinwohl dienen - und nicht der Geldvermehrung um ihrer selbst willen
GWÖ, AFA, Augsburg, Foto: Michael Schnitzlein

In Augsburg wurden 2020 insgesamt 13 Unternehmen gemeinwohlzertifiziert. Hier wird erklärt, was Gemeinwohl-Ökonomie ist. Im Lifeguide-Schwerpunkt zum Jahreswechsel 2020/2021 kommen außerdem der Gründer der Gemeinwohl-Ökonomie, Christian Felber, die Verlegerin Uta Börger, die Journalistin Angelina Blon, die Geschäftsführerin Rica Friedl und der Wirtschaftsingenieurwissenschaftler Michael Schnitzlein zu Wort.

 

Die Vision

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) strebt einen Wandel des aktuellen Wirtschaftssystems an, mit dem Ziel ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Die Wirtschaft soll dem Gemeinwohl und nicht der Geldvermehrung um ihrer selbst willen dienen. Ungleichheiten bei Einkommen, Vermögen und Macht halten sich dabei in maßvollen Grenzen. Der Umweltverbrauch bleibt innerhalb der Regenerationsfähigkeit natürlicher Ökosysteme und der planetaren Grenzen. Gegenwärtige und zukünftige Generationen genießen gleiche Lebenschancen. Dabei setzt die GWÖ nicht nur auf Unternehmen, Politik, Bildungseinrichtungen oder Privatpersonen, sondern spricht alle Anspruchsgruppen in gleichem Maße an.

 

Die Gemeinwohl-Bilanz - Erreichung globaler und lokaler Ziele

Nach aktuellem Stand sollen die Ministerien in Deutschland eigene Wege zur Erreichung der Umweltschutz-Ziele 2030 finden. Die Gemeinwohl-Bilanz bietet dafür ein Mittel um anschaulich und transparent den aktuellen Stand des regionalen Engagements zu zeigen und weiteren Handlungsbedarf aufzudecken. Die Bilanz wird durch einen breiten Fragenkatalog erstellt. Basis hierfür sind die 20 Gemeinwohl-Themen der Gemeinwohl-Matrix, welche die Werte Menschenwürde, Solidarität & Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit sowie Mitbestimmung & Transparenz den 5 Berührungsgruppen einer Körperschaft (Unternehmen, Gemeinden, Bildungseinrichtungen etc.) gegenüberstellt.

 
Auf Grundlage der Matrix kann ein Unternehmen oder sogar eine ganze Gemeinde einen Gemeinwohl-Bericht (ähnlich dem Jahresabschlussbericht) erstellen und eine Gemeinwohl-Punktzahl ermitteln. Die Punktzahl kann zwischen -3.600 und 1.000 liegen, wobei 0 Punkte dem gesetzlich vorgegebenen Standard entsprechen. Die aus dem Bericht resultierende Bilanz wird den EU (und nationalen) – Normen zur CSR-Berichterstattung für Unternehmen gerecht, unterliegt einer externen Prüfung und sorgt auf einen Blick für Transparenz über die gesamte unternehmerische Tätigkeit.

 

Veränderung leben

Die klaren Fragestellungen zur Berichterstattung werden von Unternehmen als sehr angenehm empfunden und führen zu spürbaren Veränderungen im eigenen Betrieb.
Gesellschaftliche Unterstützung erfahren Gemeinwohl-Unternehmen zunächst am Markt durch Verbraucher*innen, Kooperationspartner*innen und gemeinwohlorientierte Geldgeber*innen.
Sie sollen langfristig aber auch durch politische Mittel (bspw. Vorrang im öffentlichen Einkauf, Steuervorteile, Kreditvergaben o.ä.) subventioniert werden.

 

Die GWÖ vor Ort

Durch ein wachsendes Netzwerk an Unternehmen, Politiker*innen und Privatpersonen entstehen Synergie-Effekte, da die GWÖ im Gegensatz zum derzeitigen Wirtschaftssystem auf Kooperation statt auf Konkurrenz basiert. Knapp 2000 Unternehmen unterstützen die bereits in der bayerischen Verfassung verankerte Gemeinwohl-Ökonomie:
„Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesonders der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.“ - Art. 151 Abs. 1

 

Regionalgruppe Augsburg

In Augsburg konnte die Regionalgruppe Augsburg die ersten knapp 20 Unternehmen auf dem Weg zu einer Gemeinwohl-Bilanz begleiten. Die Regionalgruppe trägt in allen gesellschaftlichen Bereichen zu einer Kultur des guten Lebens in einer friedlichen und nachhaltigen Zivilisation bei. Das Zusammenleben in der Gemeinwohl-Gesellschaft ist geprägt durch ein menschliches Miteinander, ein hohes Maß an Vertrauen und Wertschätzung, starken sozialen Zusammenhalt, überschaubare Strukturen und gesicherte Grundrechte.

Hier geht es zu Gemeinwohl-Ökonomie, Regionalgruppe Augsburg Kontakt: augsburg@list.ecogood.org

 

In der Region Augsburg sind folgende Unternehmen gemeinwohlzertifiziert:

 

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Ein spannendes Interview mit Michael Schnitzlein zum Thema Gemeinwohlökonomie findet ihr auch auf der Website Aufgeklärtes Herz

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Nachhaltig wirtschaften

Josef Gelb - Strohschweinhaltung

„Für mich steht das Tierwohl an erster Stelle“, sagt Landwirt Josef Gelb. Anstelle von engen Ställen und wenig Auslauf können sich die Schweine in Steinach frei bewegen, gemütlich im Stroh herumwühlen und stressfrei leben.

Hausener Str. 28
86504 Merching - Steinach
Deutschland

Josef Gelb, Landwirt, Strohschweine, Foto Cynthia Matuszewski

Dass Schweinezucht auch anders geht, zeigt der Betrieb der Familie Gelb aus Steinach. Anstelle von engen Ställen und wenig Auslauf können sich die Schweine in Steinach frei bewegen, gemütlich im Stroh herumwühlen und stressfrei leben. 

„Für mich steht das Tierwohl an erster Stelle“

Josef Gelb, Landwirt

Bei der sogenannten Strohschwein-Haltung handelt es sich um ein System, das Schweine mit Stroh versorgt und mehr Platz und Auslaufmöglichkeiten innen wie auch außen bietet. Auf dem Hof von Josef Gelb Junior und Senior gibt es an heißen Tagen sogar eine Dusche, die die Schweine abkühlt.

Hier erhalten sie gentechnikfreies, tiergerechtes und regionales Futter. Und da sie das ganze Jahr über zwischen Stall und Auslauf im Freien wechseln können, erleben sie die verschiedenen Warm- und Kaltphasen eines Jahres. Sie werden robuster, erkranken seltener und brauchen weniger Medikamente. Josef Gelb hat seit Jahren kein Antibiotika verabreicht. Insgesamt verbessert diese Art der Haltung die Qualität des Fleisches.

Positive Wirkung der Strohschwein-Haltung

Auch Tierärzte bestätigen die positive Wirkung der Strohschwein-Haltung. Durch ausreichend Platz und Bewegung ist sie gut für die Gesundheit der Tiere. So müssen beispielsweise die Schwänze von Strohschweinen nicht mehr beschnitten werden – wenn ein Schwein ausreichend Platz zum Leben hat und stressfrei aufwächst, besteht nicht die Gefahr, dass es die Schwänze der Artgenossen abfrisst.

Und weil jede Fahrt Stress für die Schweine bedeutet, bleiben die Tiere von der Geburt bis zum Schlachten in Steinach.
Durch den erhöhten Arbeitsaufwand, die gentechnikfreie Fütterung und den größeren Auslauf entstehen natürlich Mehrkosten. Deshalb kostet das Strohschweinfleisch etwa 35 Cent mehr pro Kilogramm Schlachtgewicht als konventionell hergestelltes Fleisch.

"Mein Ziel ist ein Tierwohl, das sich jeder leisten kann."

Josef Gelb, Strohschweinebauer

Mehr als tiergerechte Schweinezucht

Betriebe nach dem Tierwohlkonzept, wie der der Familie Gelb, bieten nicht nur eine artgerechte Haltung, sondern auch ökologische Vorteile. Ein sorgsamer Umgang mit der Gülle führt zu einer Minderung von Ammoniakemissionen.

INFO: Wer Fleisch von den Strohschweinen kaufen möchte, kann dies bei der Metzgerei Moser in Landsberg am Lech.

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sl/cm

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Mittwoch 9:00 bis 12:00 13:00 bis 18:00
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Freitag 9:00 bis 12:00 13:00 bis 18:00
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Sonntag geschlossen

Mensch und Unternehmen

Mensch und Unternehmen
TIPPS FÜR UNTERNEHMEN: Christine Pehl zu innerer und äußerer Nach-HALT-igkeit
Christine Pehl ist Business Coach und CSR-Expertin. Foto: Regine Laas. Regio Augsburg Wirtschaft GmbH

„Auf den Menschen kommt es an“, sagt die Beraterin, Autorin und Dozentin Christine Pehl – sie arbeitet zum Schwerpunkt werteorientierte Unternehmensführung.

 

Nachhaltigkeit wird klassischerweise als Drei-Säulen-Modell dargestellt, mit den Feldern Wirtschaft, Umwelt und Soziales. Worauf es dabei ankommt, ist das Gleichgewicht. Es braucht die Balance, denn alle drei Einheiten sind systemisch miteinander verbunden. Wird eine Säule zu kurz, gerät das System in Schieflage. Doch wie lässt sich diese Balance erreichen?

 

Unser Handeln der letzten Jahrzehnte hat Folgen: Wir spüren es in Form von Klimawandel, Flüchtlingsströmen, Volksbegehren zur Artenvielfalt und vielem mehr. Zugleich gibt es den Wunsch nach einem guten und enkeltauglichen Leben. Wie kann dies gelingen und wie können wir die langfristigen Auswirkungen unseres Handelns bewusst wahrnehmen?

 

Wenn wir vom Klimawandel sprechen ist es zu kurz gedacht, nur auf das Klima im Außen zu schauen. Wir haben auch ein inneres Klima, welches sich auf unser Handeln auswirkt und Folgen im Außen zeigt. Wie können wir nachhaltig mit unseren eigenen Ressourcen umgehen und unser Innenklima stärken?

 

Menschen brauchen klare Werte als Handlungsgrundlage

Mein Leitsatz lautet: „Wie innen so außen“. Wir brauchen klare Werte und Sinn im Leben. Was gibt uns Halt und Orientierung? Wird diese Klärung vernachlässigt, nehmen Erschöpfung und psychische Erkrankungen zu – die Frage nach dem Sinn im eigenen Tun wird häufig zu spät gestellt.

 

Unternehmen geht es bei Nachhaltigkeit meist um Themen wie den ökologischen Fußabdruck oder die Einsparung von Ressourcen. Das ist wichtig im Hinblick auf den ökologischen Wandel. Der Mensch spielt darin oftmals eine eher untergeordnete Rolle, doch auf den Menschen kommt es an. Unternehmen dürfen Sinn- und Wertefragen bewusst beleuchten, denn zukunftsfähiges Wirtschaften gelingt dann, wenn Unternehmen eine wertschätzende Unternehmenskultur mit sinnvollem Kerngeschäft verbinden.

 

Wir können die aktuellen Herausforderungen nicht mit alten Ansätzen lösen. Deshalb braucht es Mut neue Wege zu beschreiten, ja eine geistige Expansion. Welche Ideen entwickeln wir für die Zukunft?  Neu-Denken und Innovationen sind gefragt.

 

Gleichzeitig ist eine Begrenzung bzw. Konzentration im täglichen Handeln sinnvoll, z. B. durch bewusstes Einkaufen in der Region, Vermeiden unnötiger Flugreisen, weniger Plastik usw. Diese Haltung darf sich in der Gesellschaft weiter verstärken, denn individuelles Handeln im Mikrokosmos hat Auswirkungen und zieht Kreise ins System.

 

Jede Generation findet ihre Lösungen

Unser Bewusstsein wird durch verschiedene Einflüsse sensibilisiert, zum Beispiel durch Umweltgipfel, Schülerdemonstrationen oder Nachrichten über Klimafolgen. Diese Bilder verstärken und fördern die Wahrnehmung von derzeitigen und auch zukünftigen Herausforderungen. In der Wirtschaftspsychologie lautet die These, dass jede Generation ihre Lösungen auf die gegebenen Umstände findet.

 

Global zu denken, das große Ganze im Blick zu haben und lokal zu handeln, ist eine Herausforderung für die Menschen. Der allumfassende Blick ist uns historisch wenig vertraut und verlangt einen erweiterte Perspektive, bei der wir lernen, die Auswirkungen von Belastungen auf Menschen und Umwelt abzuschätzen und entsprechend verantwortungsvoll zu handeln.

 

Wert und Preis eines Produktes - und seine Folgekosten

Ein weiterer Baustein in der Nachhaltigkeitsfrage ist der eigentliche Wert eines Produkts. Preis und Wert können große Differenzen in beide Richtungen aufweisen. Vor allem im Lebensmittelbereich wird gespart und Folgekosten sind nicht einkalkuliert. So nehmen wir zum Beispiel den dramatischen Wasser- und Landverbrauch für billiges Obst und Gemüse aus Spanien in Kauf, obwohl darunter ganze Regionen leiden und die Auswirkungen bis in die nachfolgende Generation reichen. Die Wertigkeit von guten Lebensmitteln wird oftmals nicht richtig eingeschätzt. Ironischerweise ganz im Gegensatz zum Preis von Gegenständen oder Marken, die reinen Status ausdrücken.

 

Wie innen so außen

Hier schließt sich die Frage nach echtem Wohl-Stand an. Wie finden wir Halt und Orientierung in einer komplexen Welt? Wer lernt, mit sich selbst gut und wertschätzend umzugehen, wird auch mit seiner Umwelt achtsam und verantwortungsvoll sein. Das erfordert ein Umdenken, denn wir haben in unserem Bildungswesen kein Handwerkszeug für innere Klärung bekommen.

 

Wir wissen oftmals nicht, wie wir uns stärken und herausfinden können, was für uns sinnhaft ist. Das Resultat zeigt sich in der massiven Zunahme von Erschöpfung, Depressionen und Burn-out. Statt unsere Gefühle zu verdrängen, empfehle ich drei einfache Schritte, mit denen wir gut für unser Wohl sorgen können:

 

Drei stärkende Schritte zur inneren und äußeren Balance

1. In die Stille gehen – Zeit mit sich selbst
Der erste Schritt besteht darin, jeden Tag eine Zeit der Stille mit sich selbst zu haben. Wie fühlt sich Ihr Körper an? Welche Gedanken und Emotionen kommen auf? Fünf bis zehn Minuten reichen, um wahrzunehmen, wie es Ihnen geht und was sich in Ihnen zeigt. Der Weg in die Stille bringt innere Zentrierung.

 

2. Heilsame Reduktion – weniger ist mehr
Was können Sie in Ihrem Leben weglassen? Altlasten im Büroschrank, Gerümpel im Keller, unsinnige Gewohnheiten oder überholte Einstellungen? Sogenannte „Verpflichtungen“, die vielleicht gar keine sind? Ziel ist es, freie Räume zu schaffen. Es lohnt sich zu hinterfragen, wie ich meine wertvolle Lebenszeit verbringe.

 

3. Sinn, Freude und Genuss finden
Die frei gewordenen Räume können Sie mit neuen Inhalten füllen, die für Sie persönlich Sinn stiften oder einfach Freude und Genuss bringen. Hilfreich ist eine kleine Liste mit Punkten zu erstellen, die einem wirklich, wirklich wichtig sind.
Wählen Sie Ihre Einstellung bewusst und sorgen Sie gut für sich – Sie sind damit auch eine Bereicherung für Ihr Umfeld.

 

 

Drei Tipps für Unternehmen:

  • Sorgen Sie gut für Ihr inneres Klima und bieten Sie hierzu Fortbildungen in Ihrem Unternehmen an.
  • Suchen Sie den Dialog zur inneren und äußeren Nachhaltigkeit mit Ihren Mitarbeiter*innen und Kund*innen.
  • Laden Sie Mutmacher*innen und Querdenker*innen in Ihr Unternehmen ein und wagen Sie zu experimentieren.
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Dieser Text stammt aus dem Nachhaltigkeitsatlas der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH

 

 
 

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