30 Jahre Lokale Agenda 21
„Wenn ich etwas erreichen will, muss ich Banden bilden.“ Mit diesem Satz eröffnete Cesy Leonard von den Radikalen Töchtern – einem Berliner Kollektiv für politischen Aktivismus und Kulturarbeit – am Montag, 11. Mai 2026, die Jubiläumsfeier der Lokalen Agenda 21 im Umweltbildungszentrum Augsburg. Und er passte erstaunlich gut zu einem Prozess, der seit drei Jahrzehnten genau davon lebt: Menschen schließen sich zusammen, arbeiten über Institutionen hinweg, streiten, entwickeln Ideen, bleiben dran.
120 geladene Gäste kamen zur Feier: Politiker*innen aus Augsburg und dem Landtag, ehemalige und aktive Referent*innen, Mitglieder des Nachhaltigkeitsbeirats und vor allem Aktive der Lokalen Agenda 21, dem Augsburger Netzwerk für Nachhaltigkeit. Das Programm war sehr vielfältig: ein Festimpuls von Cesy Leonard zum Mutmuskeltraining, ein Grußwort des neuen Oberbürgermeisters Dr. Florian Freund, ein Gespräch der vier Agendasprecherinnen mit dem neuen zuständigen Referenten Martin Schenkelberg, Essen aus geretteten Lebensmitteln – gekocht vom Kochclub Oberhausen – und zum Abschluss Capoeira mit Abadá Augsburg.
Die Geschichte des Nachhaltigkeitsprozesses
1996 begann in Augsburg nicht einfach ein Verwaltungsprojekt. Im Gegenteil: Als der Deutsche Städtetag empfahl, einen kommunalen Nachhaltigkeitsprozess (die Lokale Agenda 21) zu starten, blieb das Thema zunächst im Umweltausschuss liegen. Der entscheidende Impuls kam aus der Stadtgesellschaft selbst – von der Werkstatt Solidarische Welt und ihren Verbündeten.
Im März 1996 trafen sich rund 40 Engagierte zum ersten Bürgerforum „Zukunftsfähiges Augsburg“ im Augsburger Zeughaus. Daraus entstand ein Prozess, der Augsburg bis heute prägt – und der in dieser Form einzigartig in Deutschland ist. Noch im selben Jahr beschloss der Stadtrat die Einrichtung eines Umweltbeirats und einer Geschäftsstelle Lokale Agenda 21.
Vieles folgte, hier eine Auswahl:
- Arbeitsgruppen zu Energie, Verkehr und Einer Welt, die bis heute aktiv sind
- Zukunftsleitlinien für Augsburg mit der bundesweit einmaligen vierten Dimension Kultur
- eine Nachhaltigkeitseinschätzung für Stadtratsbeschlüsse, später Vorbild für Solingen, Baden-Württemberg und andere
- der Deutsche Nachhaltigkeitspreis 2013
- heute 30 Agendaforen, von Foodsharing und Fairtrade über Soziokratie und digitale Selbstbestimmung, von Armut, Frauenrechten und Bildung bis hin zu Gemeinwohlökonomie und Quartiersentwicklung
Oberbürgermeister Dr. Florian Freund betonte in seinem Grußwort die „spielentscheidende“ Zusammenarbeit von Bürgerschaft, Wissenschaft, Unternehmen, Verwaltung und Politik. Dafür steht in Augsburg seit Jahren ein Begriff: die Kooperative Stadt. Bürgermeister Dirk Wurm (der das Grußwort des verhinderten Oberbürgermeisters verlas) ergänzte, dass auch die neue Stadtregierung weiterhin den Antrieb der Aktiven brauche. Im Juli wird er Augsburg auf Einladung der Bundesregierung erstmals beim Nachhaltigkeitsgipfel der Vereinten Nationen in New York vertreten.
"Augsburg ist in Sachen Nachhaltigkeit innovativ und setzt bundesweit Maßstäbe. Schon als Stadtrat, mehr noch jetzt als Oberbürgermeister bin ich stolz auf dieses Augsburger Nachhaltigkeitsprofil. Und ich möchte dies in den kommenden Jahren unterstützen und weiter ausbauen. Dabei sollen Bildung, Klimaschutz und Wohnen im Mittelpunkt stehen."
Dr. Florian Freund, Oberbürgermeister der Stadt Augsburg
30 Jahre sind nur ein Zwischenstopp
Auftrag erfüllt? Eher im Gegenteil. Dr. Norbert Stamm, der das Büro für Nachhaltigkeit der Stadt Augsburg leitet und den Prozess von Anfang an begleitet hat – zunächst als Agendasprecher, seit 2005 hauptamtlich –, schreibt dazu im Editorial der aktuellen Agendazeitung Stadt mit A: „Hätte nicht mehr erreicht werden können, müssen? Ja. Wir müssen also schneller werden, mehr werden, uns mehr anstrengen. Weiterhin und verstärkt Energielieferantin sein, Hoffnungsträgerin, Impulsgeberin."
Parallel zur Jubiläumsfeier laufen bereits die Verhandlungen über ein größeres Förderprojekt namens Transformationsraum N mit der Bertelsmann Stiftung – mit Augsburg als Fallbeispiel für kommunale Nachhaltigkeitstransformation.
„Global denken und lokal handeln“ klingt heute fast altmodisch. Tatsächlich ist der Satz vielleicht aktueller denn je. Denn die großen Krisen verschwinden nicht, wenn man sich abschottet oder nur auf kurzfristige Interessen schaut. Norbert Stamm bringt es auf den Punkt: „Falsch und unwichtig war, ist und wird die Augsburger Nachhaltigkeitsarbeit nicht sein.“ Und Cesy Leonard gab dem Saal einen Tipp mit auf den Weg: „Ich trainiere mich jeden Tag in aktiver Hoffnung." Vielleicht ist genau das die eigentliche Leistung dieses Augsburger Nachhaltigkeitsprozesses: trotz Krisen, Gegenwind und Rückschritten handlungsfähig zu bleiben. Und Banden zu bilden, die halten.
"Mehr Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit weltweit sind keineswegs überholt, auch wenn persönliche, lokale und nationale Sorgen und internationaler Bullshit reindrücken. Der Rest der Welt verschwindet nicht, und dass wir Teil der Welt sind, spüren wir täglich und sollen das auch."
Dr. Norbert Stamm, Bildungsreferent der Werkstatt Solidarische Welt von 1994 bis 2001 und Agendasprecher von 1996 bis 2005, ab 2005 dann hauptamtlich Geschäftsstelle Lokale Agenda 21 Stadt Augsburg, die seit 2015 Büro für Nachhaltigkeit heißt.
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„Lokale Agenda 21 - Augsburger Netzwerk für Nachhaltigkeit – „Lokale Agenda 21? ... Nie gehört.“ So in etwa lautet die Reaktion, wenn wir im Freundes- oder Bekanntenkreis nachfragen. Dabei existiert die „Lokale Agenda 21" in Augsburg bereits seit 1996. Hier erfahrt ihr, worum es geht.
Was ist die kooperative Stadt? Dr. Norbert Stamm sagt: "Die Stadt, das sind wir alle."