Gut leben mit der Hälfte der Rohstoffe
Für unseren Konsum in Deutschland werden im Durchschnitt rund 16 Tonnen Rohstoffe pro Person und Jahr benötigt. Dazu zählen nicht nur die Rohstoffe, die wir direkt nutzen. Eingerechnet werden auch diejenigen, die anderswo benötigt werden, um unsere Häuser, Autos, Smartphones, Lebensmittel, Kleidung oder Möbel herzustellen. Als langfristig umweltverträglich gelten etwa sechs bis acht Tonnen pro Kopf und Jahr. Unser Rohstoffverbrauch müsste sich also ungefähr halbieren.
Das klingt zunächst nach einer ziemlich radikalen Veränderung unseres Lebens. Kleinere Wohnungen? Kein eigenes Auto mehr? Anders verreisen? Weniger konsumieren? Auf einige liebgewonnene Dinge verzichten?
Das vom WWF Deutschland initiierte Projekt „Ressourcenleicht Leben 2045“ stellt daher eine andere Frage: Wie möchten Menschen im Jahr 2045 eigentlich leben, wenn sie an ein gutes Leben denken?
Erst das gute Leben, dann den Verbrauch reduzieren
Für das Projekt entwickelten 26 Bürgerinnen und Bürger Vorstellungen davon, wie sie 2045 gut leben möchten. Dabei ging es um Wohnen, Mobilität, Ernährung, Arbeit und Freizeit. Aus diesen Vorstellungen entstanden fünf fiktive Personen (Personas) mit unterschiedlichen Lebensweisen. Erst danach berechnete das Wuppertal Institut, wie viele Rohstoffe für diese Lebensweisen benötigt würden. Neben dem WWF waren das Öko-Institut, Politics for Tomorrow und Ellery Studio an dem Projekt beteiligt.
Bei allen fünf entwickelten Lebensweisen liegt der berechnete Rohstoffverbrauch weit unter acht Tonnen pro Person und Jahr. Ein gutes Leben und deutlich weniger Rohstoffverbrauch müssen sich also nicht ausschließen. Allerdings setzt die Berechnung voraus, dass sich bis 2045 nicht nur unser persönliches Verhalten verändert, sondern auch die Welt, in der wir leben.
Ein Alltag mit weniger Rohstoffen
Acht Tonnen Rohstoffe pro Jahr – darunter kann man sich zunächst wenig vorstellen. Deshalb lohnt sich ein Blick auf eine der fünf fiktiven Personen: Anna ist 38 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie im Umland einer Stadt. Pro Person stehen der Familie rund 40 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Sie besitzt weiterhin ein Auto, nutzt daneben aber auch öffentliche Verkehrsmittel. Die Familie kauft regional ein und isst gelegentlich Fleisch. Smartphone und Laptop werden mehrere Jahre genutzt. Möbel und andere Einrichtungsgegenstände behält Anna möglichst lange; auch Gebrauchtes, Leihen und Teilen spielen eine Rolle.
In der Berechnung kommt Anna damit auf acht Tonnen Rohstoffverbrauch im Jahr. Allerdings lebt sie im Jahr 2045 unter anderen Bedingungen als wir heute: Energie wird weitgehend ohne Kohle, Öl und Gas erzeugt, Rohstoffe werden stärker wiederverwendet und die Infrastruktur erleichtert einen Alltag mit weniger Rohstoffverbrauch. Die acht Tonnen schafft Anna also nicht allein durch ihr eigenes Verhalten.
Es gibt nicht den einen Weg
Die anderen vier Beispiele sehen zum Teil ganz anders aus. Die Menschen leben in der Stadt oder auf dem Land, allein oder mit Familie und haben unterschiedliche Gewohnheiten und Bedürfnisse. Trotzdem liegt der berechnete Rohstoffverbrauch bei allen fünf bei weniger als acht Tonnen im Jahr. Besonders viel macht dabei aus, wie wir wohnen, uns fortbewegen und ernähren. Aber auch Konsum, digitale Geräte und Freizeit spielen eine Rolle.
Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft mit weniger Rohstoffen auskommt, ist, zu formulieren, dass es nicht die eine Lebensweise gibt, die alle übernehmen müssten. Das gelingt der Studie ganz gut. Die Herausforderung ist, aufzuzeigen, wie sich unterschiedliche Vorstellungen von einem guten Leben mit einem deutlich geringeren Rohstoffverbrauch verbinden lassen.
Rohstoffe möglichst lange nutzen
Wer den eigenen Rohstoffverbrauch verringern möchte, muss nicht gleich sein ganzes Leben umkrempeln. Ein wichtiger Ansatz ist, die Dinge, die bereits da sind, möglichst lange zu nutzen. Kleidung kann länger getragen, geflickt oder weitergegeben werden. Möbel und Elektrogeräte müssen nicht ersetzt werden, nur weil es etwas Neueres gibt. Vieles lässt sich gebraucht kaufen, leihen, tauschen oder gemeinsam nutzen.
Noch stärker ins Gewicht fallen allerdings Wohnen, Ernährung und Mobilität. Wer auf weniger Fläche wohnt, überwiegend pflanzlich isst oder häufiger Fahrrad, Leihauto und öffentliche Verkehrsmittel statt eines eigenen Autos nutzt, kann seinen Rohstoffverbrauch deutlich verringern. Welche dieser Möglichkeiten zum eigenen Leben passen, ist von Mensch zu Mensch verschieden.
Und irgendwann ist auch das langlebigste Produkt am Ende. Dann sollten seine Materialien möglichst wieder für etwas Neues verwendet werden können. Dafür gibt es den Begriff Kreislaufwirtschaft: Produkte und Rohstoffe sollen möglichst lange genutzt und ihre Materialien möglichst wiederverwendet werden, damit weniger neue Rohstoffe aus der Natur gewonnen werden müssen.
Rohstoffverbrauch ist ungleich verteilt
Die durchschnittlich 16 Tonnen pro Kopf sagen noch nichts darüber aus, wie sich der Rohstoffverbrauch innerhalb der Bevölkerung verteilt. Nach Berechnungen des Wuppertal Instituts verbrauchen Menschen mit hohen Einkommen deutlich mehr Rohstoffe als Menschen mit niedrigen Einkommen. Bei den höchsten betrachteten Einkommen ist es fast doppelt so viel. Das hat unter anderem mit größerem Wohnraum, Mobilität und Konsum zu tun. Die Frage, wer seinen Rohstoffverbrauch besonders stark reduzieren kann, stellt sich deshalb nicht für alle Menschen gleichermaßen.
Hinzu kommt ein wichtiger weiterer Aspekt: Konsum dient nicht nur dazu, unseren Alltag zu bestreiten. Ein größeres Auto, eine größere Wohnung, neue Kleidung oder die neueste Technik stehen auch für Wohlstand, Erfolg und sozialen Aufstieg. Ein ressourcenleichteres Leben berührt deshalb auch die Frage, woran wir Wohlstand und ein gutes Leben festmachen. Das war leider keine zentrale Fragestellung der WWF-Studie, aber es ist vielleicht der zentrale Aspekt bei der Frage, ob und wie ein Übergang in eine Gesellschaft mit weniger Ressourcenverbrauch gelingen kann. Immerhin waren drei Viertel der in der Studie Befragten der Ansicht, dass Menschen mit besonders hohem Ressourcenverbrauch auch mehr Verantwortung für dessen Verringerung übernehmen sollten.
Was die Menschen davon halten
Neben den Berechnungen ließ der WWF 1.001 Menschen in Deutschland befragen. Dabei ging es auch darum, wie attraktiv sie ein Leben mit deutlich weniger Rohstoffverbrauch finden. Unter heutigen Bedingungen konnten sich 32 Prozent der Befragten ein solches Leben gut vorstellen. Veränderten sich jedoch die Bedingungen – beispielsweise durch bessere Angebote, passende Infrastruktur und faire Preise –, stieg der Anteil auf 55 Prozent. Bei einzelnen Veränderungen ist die Bereitschaft noch deutlich größer: 87 Prozent können sich vorstellen, Möbel länger zu nutzen, 84 Prozent Elektrogeräte und 73 Prozent Kleidung. Dabei geht es nicht ausschließlich um Umwelt- und Klimaschutz. Auch finanzielle Einsparungen sowie gesundheitliche und zeitliche Vorteile können ein Grund dafür sein, Dinge länger zu nutzen oder Gewohnheiten zu verändern.
Damit ein Leben mit weniger Rohstoffen einfacher wird
Vieles können wir allerdings nicht allein entscheiden. Wer häufiger ohne eigenes Auto unterwegs sein möchte, braucht gute Bus- und Bahnverbindungen oder sichere Radwege. Reparieren wird attraktiver, wenn Ersatzteile erhältlich sind und die Reparatur nicht fast so viel kostet wie ein neues Gerät. Leihen und Teilen funktioniert besser, wenn es dafür Angebote in der Nähe gibt.
Auch beim Wohnen sind die Möglichkeiten begrenzt. Eine kleinere Wohnung zu wollen hilft wenig, wenn passende und bezahlbare Wohnungen fehlen. Der WWF nennt deshalb unter anderem Wohnflächentausch, gemeinschaftliche Wohnformen und einen besseren Umgang mit leerstehenden Wohnungen als mögliche Ansätze. Kommunen können außerdem Angebote wie Reparaturzentren, Leihläden oder „Bibliotheken der Dinge“ unterstützen, in denen Werkzeuge und andere selten benötigte Gegenstände ausgeliehen werden können.
Auch die Hersteller spielen eine wichtige Rolle. Produkte können so gebaut werden, dass sie lange halten und sich reparieren lassen. Ersatzteile müssen verfügbar sein, und Materialien sollten sich am Ende möglichst wiederverwenden lassen. Ein ressourcenleichteres Leben hängt damit nicht allein davon ab, ob Menschen bereit sind, etwas zu verändern. Es muss im Alltag auch möglich, bezahlbar und möglichst unkompliziert sein.
Ressorcenleichter leben in Augsburg
„Ressourcenleicht Leben 2045“ ist keine Vorhersage und kein fertiger Plan für die Zukunft. Das Projekt zeigt vielmehr, wie unterschiedlich ein gutes Leben mit deutlich weniger Rohstoffen aussehen könnte – und dass dafür persönliche Entscheidungen und Veränderungen in unserem Umfeld zusammenkommen müssen. Wie das konkret funktionieren kann, wird uns im Lifeguide weiter beschäftigen. Wir schauen auf Forschung und neue Ideen, auf die Bedingungen, die dafür geschaffen werden müssen – und natürlich auf Möglichkeiten in Augsburg und der Region, Rohstoffe länger zu nutzen und den Verbrauch neuer Ressourcen zu verringern.
Infos
Hier geht es zur Projektwebsite von Ressorcenleicht leben