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Die Preise lügen: wahre Kosten für Lebensmittel

Vieles, was wir an der Supermarkt-Kasse bezahlen, ist nur vermeintlich günstig. Unser Gastautor Markus Wolter von Misereor stellt das Konzept der Wahren Kosten vor.
Körner in als Herz in einer Hand als Symbol für faire Preise in der Landwirtschaft

Trotz gestiegener Lebensmittelpreise, sind die Kosten für Essen in Deutschland vergleichsweise günstig. Doch diese Kosten, lassen die Folgekosten von Umweltverschmutzung und sozialen Missständen außen vor. Sie werden von der Gesellschaft getragen. Markus Wolter, Referent für Landwirtschaft und Welternährung bei Misereor stellt das Konzept der Wahren Kosten vor, das Tobias Gaugler in seiner Zeit an der Augsburger Universität maßgelblich mitentwickelt hat.

 

Lebensmittel werden auf Kosten anderer erzeugt


Die Erzeugung von Lebensmitteln erfolgt aktuell in erheblichem Umfang auf Kosten anderer: zukünftiger Generationen, Bäuerinnen und Bauern sowie der Umwelt. Vor allem geht sie zu Lasten von Menschen im Globalen Süden, die in immer größerem Ausmaß unter den Folgen des Klimawandels leiden. So sind die ausgelagerten Umweltkosten der deutschen Landwirtschaft mehr als viermal so hoch wie ihre Wertschöpfung.

 

Welche Rolle kann eine Bilanzierung der Wahren Kosten spielen, um diese Herausforderungen anzugehen? Doch fangen wir von vorn an. 

 

Aktuelle Situation

 

Momentan müssen Verursacher*innen von Schäden in der landwirtschaftlichen Produktion nicht dafür aufkommen, dass sie globale Gemeingüter wie Wasser, Luft und Boden mit ihrer Wirtschafts- und Produktionsweise belasten und damit die Ausbeutung von Menschen und der Erde vorantreiben. Die Preise, die wir alle an der Supermarktkasse zahlen, bilden nicht die wahren Kosten der Produktion ab. Das ist ökonomisch gesehen Marktversagen.

 

Darauf weist seit vielen Jahren Prof. Tobias Gaugler hin, der lange Zeit an Augsburgs Uni zu diesem Thema geforscht hat. Er hat sich mit dem zweiten Preisschild bei Penny und der Berechnung von Umweltfolgekosten dieses Thema auch über wissenschaftliche Kreise hinaus bekannt gemacht.

 

Was läuft falsch?


Seit Jahrzehnten berücksichtigen Unternehmen, Investoren und Finanzämter nur das Finanz- und Produktionskapital bei der Bezifferung von Unternehmenserfolgen. Durch die derzeit üblichen Berechnungen der Gewinne und Verluste erzielen die meisten Unternehmen zwar ggfls. betriebs- und volkswirtschaftliches Wachstum, doch werden Umwelt und Sozialschäden nicht mit einberechnet und daher meist auch nicht berücksichtigt.

 

Die Boston Consulting Group kommt in einer Studie beispielsweise zu dem Ergebnis, dass die deutsche Landwirtschaft im Jahr 2017 eine Bruttowertschöpfung von 21 Mrd. Euro erzielte, jedoch gleichzeitig Umweltfolgekosten in Höhe von 90 Mrd. Euro verursachte.

Die Gefahr dieser unzureichenden Rechnungslegung ist, dass keine Wertschöpfung stattfindet, sondern vielmehr Ressourcen degradiert werden („Schadschöpfung“ ). Langfristig führt dies dazu, dass teils unwiederbringlich die Lebensgrundlagen heutiger und zukünftiger Generationen zerstört werden.

 

Die Rolle der Unternehmensbilanz

 

Der aus dieser und anderen Studien ersichtlichen Fehlentwicklung in der Unternehmensbilanzierung gilt es mit finanzwirtschaftlichen Mitteln gegenzusteuern, um aktuelle und zukünftige Umwelt- und Sozialkatastrophen einzudämmen und zu verhindern. Die Rechnungslegung für Unternehmen muss grundlegend verbessert werden, damit alle entscheidungsrelevanten Kosten berücksichtigt werden. Es bedarf branchen- und länderübergreifend nicht nur einer Korrektur der bestehenden Praxis, sondern auch der Entwicklung zukunftsträchtiger Ansätze. Die „Wahre Kostenrechnung“ (true cost accounting), die auch Human-, Sozial- und Naturkapital im Geschäftsergebnis und dessen Entwicklung berücksichtigt, ist ein solcher Ansatz.

 

Was ist True Cost Accounting?

 

Das so genannte True Cost Accounting, zu Deutsch „Berechnung der wahren Kosten“, ist eine Methode zur Ermittlung der tatsächlichen Kosten eines Produkts oder einer Dienstleistung. Beim True Cost Accounting werden nicht nur die direkten Produktionskosten für Rohstoffe und Arbeitskraft gemessen, sondern auch berücksichtigt, wie sich die Unternehmensaktivitäten auf Umwelt und Gesellschaft auswirken. Zu finden ist diese Berechnung auf der Webseite der Initiative True Cost - From Costs to Benefits in Food and Farming.

 

Kern der True Cost Accounting-Methodik ist es, Umwelt- und Sozialkosten sowie Sozialleistungen in die Unternehmensbilanzierungen einzubeziehen. Dies ist ein entscheidender Schritt, um Kosten und Leistungen zu internalisieren und damit dem Verursacherprinzip (polluter pays principle) zu folgen. True Cost Accounting macht Kosten und Leistungen sichtbar und kann damit zu einem Bewusstseinswandel bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger*innen beitragen. 

Beispiele für Indikatoren Wahrer Kosten

Und die Politik?

Im Koalitionsvertrag 2021 ist als Ziel festgelegt worden, dass ökologische und gegebenenfalls soziale Werte in das bestehende Bilanzierungsmodell integriert werden sollen. Damit das gelingt, sind Hebel notwendig, die auf Unternehmensseite wirksam werden und umgesetzt werden können.

 

Jahrzehntelang haben die Bundesregierungen die Verantwortung für eine nachhaltigere Land- und Ernährungswirtschaft auf die Verbraucher*innen abgeschoben. Der Preisunterschied zu Produkten mit hohen ökologischen und sozialen Kosten, die sich aber nicht im Endpreis wiederfinden, ist jedoch zu hoch und setzt damit falsche Kaufanreize. Nur wenn Akteure am Markt mit gleichem Maßstab gemessen werden, wird die Basis für die Preisgestaltung gerechter. Eine Bilanzierung der „Wahren Kosten“, das True Cost Accounting, geht dieses Problem an und würde bei Unternehmen Anreize schaffen, anders einzukaufen und zu wirtschaften. 

 

Die Rechnungslegung von Unternehmen muss dazu grundlegend reformiert und erweitert werden, damit alle entscheidungsrelevanten Kosten und Werte Berücksichtigung finden – sowohl aus Sicht der Unternehmensfinanciers (Investoren, Banken) als auch der gesamten interessierten Öffentlichkeit. Nur so spricht eine Bilanz die ökonomische, ökologische und soziale Wahrheit. 

 

Was kann ich tun?

 

Die Berechnungen von Tobias Gaugler haben eindeutige Ergebnisse: Pflanzliche Produkte haben weniger Umweltfolgekosten als tierische. Ökologisch erzeugte in der Regel geringere als das konventionelle Produkt. Einkaufen sollte bio-regional-saisonal erfolgen und wenn Produkte aus Asien, Lateinamerika oder Asien dann fair gehandelt. Damit kann ich als Verbraucher*in schon eine ganze Menge tun, damit die Kosten für Mensch und Natur möglichst gering ausfallen, bzw. sogar Bäuerinnen und Bauern unterstützen, die wichtige Leistungen für uns alle erbringen.

 

Mehr Info

 

Weitere Informationen zum Thema von Misereor findet ihr in diesem Positionspapier.

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