Für eine selbstbestimmte Digitalisierung
Das neue Smartphone verweigert seinen Dienst, bis man einen Account anlegt. Oder die Webseite, die bisher einfach lesbar war, verlangt nun die Anmeldung mit einer E-Mail-Adresse – vielleicht sogar mit Telefonnummer. Vermeintlich alles im Namen von Sicherheit und Komfort. In Wahrheit jedoch werden wir immer umfassender überwacht und unser Verhalten systematisch ausgewertet.
Konzerne erstellen digitale Akten über uns und verkaufen diese Daten häufig zu Werbezwecken. Dieser Markt ist unersättlich: Je mehr man über uns weiß, desto wertvoller ist der (käufliche) Datensatz.
Nicht das Handtuch werfen
Natürlich kann man jetzt sagen: „Die wissen doch eh schon alles über mich – dann ist es ja egal.“ Falsch gedacht. Unternehmen interessieren sich vor allem für aktuelle Informationen über unser Leben. Und mit einer solchen Haltung gefährden wir nicht nur uns selbst, sondern auch unser Umfeld.
Privatsphäre erfüllt mehrere wichtige Funktionen – sowohl im persönlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich. Privat brauchen wir Rückzugsräume, in denen wir uns unbeobachtet ausprobieren oder verändern können. Manche Berufe erfordern zudem eine strikte Trennung zwischen öffentlicher Rolle und Privatleben:
• Die Schulleiterin, deren Sexual- oder Dating-Leben öffentlich wird? Vermutlich unangenehm.
• Der Journalist, der dem Schutz seiner Quellen verpflichtet ist? Notwendig.
• Die Ärztin, die entscheidet, wer auf Patientendaten zugreifen darf? Unerlässlich.
Wir leben im Zeitalter der Überwachung
Noch bedeutsamer ist jedoch die gesellschaftliche Dimension: Die Digitalisierung hat die Datensammlung auf ein bisher unvorstellbares Ausmaß getrieben. Im Zweifel kann der Staat auf viele dieser Daten zugreifen. Dank Edward Snowden wissen wir, wie groß insbesondere der Datenhunger der Geheimdienste ist. Unternehmensdaten – etwa von Google – und Kommunikationsdaten werden massenhaft gespeichert und ausgewertet.
Natürlich nur aus Sicherheitsgründen. Oder zur Wirtschaftsspionage. Oder um unliebsame Personen loszuwerden: „We kill people based on metadata“ („Wir töten Leute auf der Basis von Metadaten/Kommunikationsdaten“), sagte Michael Hayden, Ex-Chef von NSA und CIA.
Datenschutz als Mittel zur Aufrechterhaltung der Privatsphäre ist also auch als Abwehrrecht gegen einen Staat zu verstehen. Gerade die deutsche Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, die staatlichen Überwachungs- und Kontrollgelüste im Zaum zu halten. Es muss prinzipiell möglich bleiben, auch unerkannt gegen die Regierung aktiv zu sein. Letztendlich ist dies ein wichtiges Versprechen der Demokratie: Die Opposition wird berücksichtigt, sitzt im Parlament oder demonstriert auf der Straße. Nur so wird gesellschaftlicher Fortschritt möglich. In der Diktatur dagegen wird jegliche Opposition bekämpft und eben nicht am gesellschaftlichen Prozess beteiligt.
Digitale Selbstverteidigung
Folglich ist es wichtig zu lernen, wie Datenschutz praktiziert werden kann. Genau dafür wurden CryptoPartys erfunden. CryptoPartys gibt es weltweit in vielen größeren Städten. Sie sind immer kostenlos, unkommerziell und öffentlich. Inhaltlich beschäftigen wir uns häufig mit folgenden Themen (nehmen aber gerne Vorschläge an):
• Datenschutzfreundliche Nutzung des Smartphones
• Sichere Passwörter und Passwort verwaltung
• Anonym, sicher und werbefrei im Web surfen
• Verschlüsselung von Datenträgern
• Seriöse Anbieter für Online Dienste
Der Text wurde als erstes im Augsburger Nachhaltigkeits-Magazin 1-2025 "Stadt mit A" veröffentlicht.
Infos
In Augsburg findet die CryptoParty monatlich, am 4. Donnerstag im Monat um 19 Uhr im OpenLab Augsburg, Bäckergasse 32 statt. Meist ist es sinnvoll, die eigenen Geräte (Handy, Laptop) mitzubringen.
Infos unter cryptoparty.in
Mail: cp-aux@mailbox.org
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