Omas for Future: Cordula Weimanns Vision
Cordula Weimann ist mit ihren 65 Jahren erfolgreiche Unternehmerin. Viele Jahre glaubte sie an das alte Wohlstandsversprechen: „Höher, schneller, weiter!“. Doch damit ist längst Schluss! Als Cordula Weimann 2019 in die Augen ihres Enkels blickte, erkannte sie: „Etwas muss sich ändern, damit auch er eine lebenswerte Zukunft bekommt.“ Und so gründete sie prompt die „Omas for Future“. Mit Erfolg: Heute zählt der Verein fast 100 Regionalgruppen allein in Deutschland. Nun erschien das Buch zur Bewegung. Warum sie damit jetzt durch ganz Deutschland tourt, und was die Intention ihrer Vorträge ist, erklärt sie in diesem Interview:
Lifeguide: Wie schaut in deinen Augen die ideale Zukunft aus?
Cordula Weimann: In meiner idealen Zukunft steht der Mensch und seine Lebensqualität im Mittelpunkt aller Entscheidungen, auch der politischen. Die glücklichsten Länder handeln so, und wir können von ihnen lernen. Dies führt nicht nur zu glücklicheren Menschen mit mehr Lebensqualität und einem gesünderen Leben in menschenfreundlichen Städten und Dörfern, sondern auch zu mehr Klimaschutz, Umweltschutz, besserer Gesundheit, hohem Bildungsstandard, Gleichheit, sozialem Frieden und Vertrauen in die Politik. Diese Zukunft ist keine Utopie – sie existiert bereits, und andere leben sie vor. Wir müssen sie nur abgucken - darum geht es in meinem Vortrag.
Wie kann eine nachhaltige Wirtschaft funktionieren?
Eine Wirtschaft, die sich am Wohl des Menschen orientiert - und nicht an der Wirtschaft selbst. Der Glaubenssatz unserer Wirtschaft lautet: Geht es der Wirtschaft gut, geht es dem Menschen gut. Doch an der zunehmenden Spaltung unserer Gesellschaft, der kränkelnden Wirtschaft, zunehmenden Krankheiten, vor allem auch psychischen, sowie einer wachsenden Schere zwischen Arm und Reich sehen wir, dass es uns eben nicht gut geht. Zumal wir im World Happiness Report auf Platz 24 abgefallen sind.
Unser geld- und konsumorientieren Denken und Handeln macht uns krank. Die führenden glücklichsten Länder dagegen haben allesamt eine stabile und gesunde Wirtschaft, die in großen Schritten auf dem Weg in die Nachhaltigkeit und schon viel weiter als wir ist.
Wie kommen wir dahin?
Der erste Schritt heißt für mich: Die Schere schließen - umverteilen. Wir haben weit mehr als 10.000 Reiche in Deutschland, die mehr als 10 Millionen Euro Vermögen haben, das jedes Jahr wächst, und die dafür keine Steuern zahlen. Jedes Jahr gibt es 600 neue Einkommensmillionäre - nicht aus konkreter Arbeit - sondern aus Arbeit mit Finanzmärkten oder Transaktionen an diesen. Auch sie zahlen nur geringe Steuern aufgrund zahlreicher Abschreibungsmöglichkeiten und Steuerschlupflöcher. Geld ist Selbstzweck geworden - dabei ist es im Grunde nur ein Tauschmittel, damit es uns Menschen hier gut geht.
Wir verwechseln materiellen Wohlstand mit seelischem Wohlbefinden - und da klafft eine große Lücke, die ständig größer wird. Hier können wir vom Denken und Handeln der glücklichsten Länder der Erde (allesamt aus Skandinavien) sehr viel lernen.
Der nächste Schritt heißt daher: Mit diesen Mehreinnahmen Bildung, sozial Schwache und den nachhaltigen Umbau fördern. Menschenfreundliche – also autoarme und Radweg- Fußweg und ÖPNV-starke – und klimaangepasste Städte bauen, gesunde Ernährung und regionaler Anbau von Nahrungsmitteln. Weg vom Konkurrenzdenken hin zu Gemeinschaftsdenken.
Wie können Leser*innen dein Buch in ihrem Alltag anwenden?
Indem sie bereit sind, ihr Leben für die eigene Gesundheit umzustellen: Viel mehr tägliche Bewegung in den Alltag einbauen (Radfahren, Treppe steigen), fleisch- und zuckerarme sowie frische (keine Fertigprodukte) Ernährung, Tee und Wasser statt Softgetränke. Die Ernährung, die nicht nur die Menschen, sondern auch die Erde gesund macht, ist sehr ausführlich dargestellt - auch das Umdenken in unserem Gesundheitssystem.
70 Prozent unserer Wohlstandserkrankungen können wir durch Änderung unseres Lebensstils sofort heilen - ohne Medikamente. Und so oft es nur geht, das Auto stehen lassen. ÖPNV-Nutzer sind seltener übergewichtig als Autofahrer. Aktivurlaub in europäischen Gefilden statt Bequemlichkeitsurlaub auf den Weltmeeren. Kreuzfahrten sind ungesund - sehr ungesund. Für den Menschen - und für die Erde. Nahezu 90 Prozent unserer vorzeitigen Todesfälle in Europa sind auf unseren Lebensstil zurückzuführen.
Was inspirierte dich, die Bewegung "Omas for Future" zu gründen?
Als ich in die Augen meines Enkels blickte und sein Vertrauen spürte, dass wir ihm eine lebenswerte Erde hinterlassen, erkannte ich unsere Verantwortung. Wir Boomer, nun Omas und Opas, bestimmen die Zukunft unserer Kinder und Enkel, da wir 58 Prozent der Wähler stellen. In diesem Moment wusste ich: Ich muss handeln. Ich bin nicht allein mit dem Wunsch, für unsere Kinder und Enkel etwas zu verändern.
Mit welchen Aspekten punktet die Generation 50+ bei der Umsetzung einer klimafreundlichen Zukunft?
Kindheitserinnerungen! Wir brauchen uns nur daran erinnern, wie wir früher gelebt haben. An sparsamen Umgang mit allen Produkten, reparieren statt wegwerfen, mit dem Rad fahren oder zu Fuß gehen, gemeinschaftlich mit Freunden und Nachbarn im Garten anbauen, jäten und ernten oder am Wochenende wandern gehen, an frisches Kochen statt Folie aufreißen, und an saisonale Ernährung. Auf die Erdbeeren freuten wir uns neun Monate lang - und dann schmeckten sie auch.
Vorfreude ist die schönste Freude, sagt der Volksmund.
Wir wissen, dass wir damals sehr glücklich waren. Das tägliche Essen in der Familie gab uns Nestwärme, wir genossen die Gemeinschaft und gegenseitige Hifle. Unser Kühlschrank war voll, ohne rollende Lagerhallen auf Rädern, die nun die Straßen füllen. Wir sind am nachhaltigen Leben noch näher dran. Unser Wohlstandsleben hat uns voneinander entfremdet und macht uns krank.
Was ist dir sonst noch wichtig?
Wir brauchen Menschen, die uns Zuversicht für geben, keine Bedenkenträger und Nörgler. Wir reden unsere Wirklichkeit schlechter als sie ist, und ziehen uns emotional in den Sumpf, statt uns herauszuziehen. Erfolge und gute Beispiele geben uns Mut und richten uns auf. Deshalb erzählen wir Omas und Opas von den vielen gelingenden Vorbildern, die es in unseren Nachbarländern schon gibt - und den dort glücklicheren Menschen. Von denen müssen wir nur noch lernen - mehr nicht.
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