Klimabildung: Kinder erforschen ihre Zukunft
Warum ist Bildung für nachhaltige Entwicklung gerade jetzt so wichtig?
Sebastian Streitberger: Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) war immer wichtig. Doch heute ist sie unverzichtbar, denn der menschengemachte Klimawandel stellt uns vor eine Krise ungekannten Ausmaßes. Er verschärft nicht nur den Zugang zu Ressourcen, sondern auch soziale Ungleichheiten – eine doppelte Bedrohung, die von allen Seiten drückt. Besonders die junge Generation spürt das: Zukunftsängste greifen um sich. Laut der Sinus-Umfrage 2024/25 haben nur 16 Prozent der Jugendlichen keine Angst vor dem Klimawandel. Der Wandel hin zu nachhaltigen Gesellschaften ist dringend. BNE informiert nicht nur über Probleme und Handlungsmöglichkeiten, sondern befähigt Menschen, aktiv zu gestalten. Das betrifft nicht nur den eigenen Konsum, der natürlich Auswirkungen auf das Klima hat. Wir alle sind auch politische Akteure. Indem wir uns für wichtige Anliegen einsetzen, wirken wir auf kollektiver Ebene. BNE zeigt Wege auf, wie man wirksam wird, und begleitet Menschen dabei, ins Handeln zu kommen. Nur eine Gesellschaft, die Veränderung will und vorantreibt, kann die Klimakrise bewältigen. BNE legt dafür das Fundament.
Was bietet ihr konkret im Programm PrimaKlima an?
PrimaKlima entstand aus dem Öko-Schulprogramm, um Lehrkräfte bei der Klimabildung zu unterstützen. Es ergänzt ein von der Stadt Augsburg finanziertes Prämienmodell für schulisches Engagement, das gemeinsam mit dem Umweltbildungszentrum umgesetzt wird. Wir bieten Workshops für Schulen an, die sich lange auf Energiethemen konzentrierten – etwa erneuerbare Energien oder Energieeffizienz in Schulgebäuden. Dazu gehören Rundgänge, bei denen Kinder und Jugendliche die Energieversorgung erkunden, sich mit Dämmung beschäftigen oder lernen, wie man Strom spart. Ein weiteres Angebot ist das klimafreundliche Frühstück, bei dem wir die Auswirkungen von Ernährung und Lebensmittelproduktion auf das Klima thematisieren. Auch die Folgen des Klimawandels für Ressourcen wie Boden und Wasser behandeln wir in verschiedenen Workshops. Wir sind aber auch mit Schülerinnen, Schülern und Erwachsenen in Augsburg unterwegs und blicken dabei auf Fragen, wie sich Städte ganz konkret auf die Auswirkungen des Klimawandels vorbereiten.
Was sind aktuell die gefragtesten Themen bei Schulen und Kitas, die zu euch kommen?
Bei jüngeren Kindern steht das Naturerleben mit allen Sinnen hoch im Kurs – sei es in Wäldern, Wiesen oder Gewässern. Im Sommer sind viele als kleine Gewässerforscher unterwegs. Plastik bleibt ein Dauerbrenner, der zu jeder Jahreszeit gefragt ist. Im Winter sind Energierundgänge besonders beliebt.
Wie vermittelt ihr schon den Kleinsten Klimaschutz – ohne sie zu überfordern?
Entscheidend ist der Bezug zum Alltag. Klimabildung in der Kita sollte niedrigschwellig und situationsbezogen sein. Die Vorbildfunktion der Erzieherinnen und Erzieher spielt dabei eine Schlüsselrolle. Deshalb ist es wichtig, pädagogische Fachkräfte weiterzubilden, damit sie an Alltagssituationen anknüpfen können. So lässt sich etwa erklären, warum das Pausenobst aus der Region kommt oder warum das Gras vor der Kita vertrocknet. Wir unterstützen mit Workshops und Methodenschulungen, um solche Themen kindgerecht zu vermitteln.
Gibt es Beispiele für ein Aha-Erlebnis, das Kinder oder Jugendliche bei euch hatten?
Die größten Aha-Momente erleben Kinder, wenn sie selbst forschen. Beim Stadtklima-Projekt etwa messen sie Temperaturen und entdecken die Unterschiede zwischen schattigen Grünflächen und versiegelten, sonnigen Flächen. Dabei spüren sie am eigenen Körper, wie stark sich Städte aufheizen – ein greifbares Beispiel für den „Hitzeinsel“-Effekt.
Wie kann man Eltern für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisieren – nicht nur die Kinder?
Idealerweise tragen Kinder das Gelernte nach Hause. Da unsere Angebote meist über Schulen und Kitas laufen, erreichen wir Eltern nur indirekt. Dennoch sind Bildungsangebote für Erwachsene wichtig. Wir organisieren offene Veranstaltungen, die familienfreundlich sind, sodass Eltern und Kinder gemeinsam lernen können. Vorträge, Workshops und Führungen richten sich auch an Erwachsene, die Kinder haben oder später einmal haben werden.
Was können Augsburger Familien ganz konkret im Alltag tun, um nachhaltiger zu leben?
Ein guter Anfang ist, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Der Wechsel zu Ökostrom ist ein einfacher, aber wirkungsvoller Schritt. Gebraucht statt neu zu kaufen schont nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel – etwa im Sozialkaufhaus Contact. Für Urlaubsreisen ohne Flugzeug bietet Augsburg mit seinem ICE-Bahnhof eine schnelle Anbindung an Italien, Österreich oder Frankreich. Doch nachhaltiges Leben geht über den individuellen Konsum hinaus. Es ist ebenso wichtig, sich politisch für Strukturen einzusetzen, die nachhaltiges Handeln erleichtern. Dafür muss man nicht in den Stadtrat, aber zur Wahl zu gehen, ist ein Anfang.
Was ist dein persönlicher Antrieb, jeden Tag für Umweltbildung zu arbeiten?
Mich treibt vor allem eines an: Neugier – und die Freude daran, wenn aus Neugier Erkenntnis und aus Erkenntnis Handlung wird. Ich liebe es, Zusammenhänge zu verstehen und sie mit anderen zu entdecken. Besonders motiviert mich der Moment, in dem ich bei Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen merke: Jetzt ist der Groschen gefallen. Und vielleicht entsteht daraus nicht nur ein neues Verständnis, sondern auch der Wunsch, selbst etwas zu verändern.
Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass wir BNE brauchen, wenn wir eine Zukunft gestalten wollen, in der Menschen gut und zufrieden leben können. Für mich geht es deshalb nicht nur darum, Wissen über Umwelt und Nachhaltigkeit zu vermitteln, sondern Menschen zu befähigen, ihre eigene Zukunft mitzugestalten.
Kontakt
Sebastian Streitberger
Umweltbildungszentrum Augsburg
Dr.-Ziegenspeck-Weg 6
86161 Augsburg
Website: https://www.ubz-augsburg.de
Telefon: 0821/324-6144
E-Mail: s.streitberger@ubz-augsburg.de
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