Soziales & Teilhabe

Jede Stimme zählt – auch die unbequemen

Konflikte als Chance: Maria Wiprich, Expertin für Deep Democracy, erklärt im Interview, wie Spannungen in Teams gelöst und als wertvolle Impulse für nachhaltige Entwicklung genutzt werden können.
Menschen in einem Workshop als Ankündigung für den Kurs "Deep Democracy" mit Maria Wiprich.

Wenn in Teams oder Organisationen Spannungen aufkommen, neigen wir oft dazu, sie schnell zu glätten oder zu überstimmen. Doch was, wenn genau diese Widerstände der Schlüssel zu nachhaltigen Lösungen sind? Maria Wiprich, Expertin für Deep Democracy teilt ihr Wissen in einem Workshop des Soziokratie Zentrums Augsburg. Erstmals vereint dieser den Lewis Deep Democracy-Ansatz mit der Soziokratie – zwei systemische Herangehensweisen, die sich kraftvoll ergänzen.
Im Interview zeigt sie, wie wir durch eine andere Haltung zu Konflikten nicht nur konstruktiver zusammenarbeiten, sondern auch echte Entwicklung ermöglichen können. Mit praktischen Tools wie der „Widerstandslinie" macht sie sichtbar, was oft unausgesprochen im Raum steht – und verwandelt vermeintliche Störungen in wertvolle Impulse für Wachstum.

Lifeguide: Maria, was fasziniert dich an Deep Democracy – besonders im Kontext von Nachhaltigkeit und gesellschaftlichem Wandel?

Maria Wiprich: Mich berührt die Grundhaltung, dass wirklich jede Stimme zählt – auch die leisen, irritierenden oder widersprüchlichen. Genau darin liegt oft das Entwicklungspotenzial einer Gruppe. Deep Democracy eröffnet Räume, in denen wir diese Vielfalt nicht nur aushalten, sondern aktiv nutzen können – und das auf Augenhöhe. In meinem Seminar verbinden sich Elemente der Prozessarbeit nach Mindell und der Lewis-Methode. Beide Ansätze fördern eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Gruppenprozessen, um mehr Verbundenheit, Sicherheit und Selbstverantwortung zu ermöglichen.

Wie kann Deep Democracy helfen, Konflikte konstruktiv zu lösen?

Konflikte zeigen oft: Da ist noch etwas ungehört. Wir nutzen ein Modell, das hilft, frühe Signale von Unstimmigkeit zu erkennen. Wenn wir diese Signale ernst nehmen und würdigend in den Raum holen, entsteht oft Verbindung – noch bevor es eskaliert. Das verändert viel: Konflikte werden nicht als Störung betrachtet, sondern als Chance für Wachstum. Dabei ist es entscheidend, wie wir in Kontakt bleiben – mit uns selbst und miteinander.

Wie finden auch zurückhaltende Stimmen Gehör?

Ein zentrales Element ist die Widerstandslinie – ein sehr einfaches, aber kraftvolles Bild. Die Linie macht sichtbar, wie viel Zustimmung oder Widerstand im Raum ist, ohne sofort ins Argumentieren zu verfallen. Menschen mit Widerstand werden eingeladen, ihre Sicht zu teilen – nicht, um zu überzeugen, sondern um vollständiger zu verstehen, was im Raum lebt. Das stärkt die Autonomie der Menschen und die Transparenz in der Gruppe und im Team. Oft zeigt sich: Das Nein ist nicht gegen jemanden, sondern ein Ja für etwas noch Ungesagtes.

Hast Du ein Beispiel, wie das konkret wirkt?

In einem Projektteam spürte eine Person bei einem Vorschlag starke Unruhe – sie stand klar im Widerstand. Sie sprach aus, was sie beschäftigte: die Sorge vor Überforderung. Plötzlich wurde klar, dass viele ähnlich dachten, sich aber nicht trauten, es zu sagen. Am Ende gestaltete das Team das Projektformat innovativ um, eine neue Vision entstand aus der Diskussion über den Umfang – getragen von der Zustimmung des ganzen Teams. Das zeigt, wie Entwicklung durch Sicherheit, Transparenz und Miteinander Raum bekommt.

"Konflikte werden nicht als Störung betrachtet, sondern als Chance für Wachstum. Dabei ist es entscheidend, wie wir in Kontakt bleiben – mit uns selbst und miteinander."

Maria Wiprich, Expertin für Deep Democracy

Was erwartet Teilnehmende in deinem Seminar ganz konkret?

Wir arbeiten mit praktischen Tools wie der Widerstandslinie, dem 4-Phasen-Modell oder der Methode, innere und kollektive Rollen sprechen zu lassen. Gleichzeitig achten wir auf Sprache, Zuhören und die eigene Präsenz in Gruppen. Wichtig ist die Verbindung von Methode und Haltung: Wie kann ich meine Haltung zeigen, ohne zu dominieren? Wie gestalte ich Räume, in denen Vielfalt wirklich möglich ist? Das erfordert Klarheit, Beziehungskompetenz und ein sicheres Gegenüber.

Gibt es etwas, das Dir besonders am Herzen liegt?

Vielleicht das: Deep Democracy ist kein Set von Methoden für Krisensituationen, sondern eine Einladung, unser Miteinander grundsätzlich zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Wenn wir unsere Sprache, unsere Haltung und unser Zuhören schärfen, entsteht etwas sehr Kraftvolles: Eine Kultur der Begegnung, die trägt und Entwicklung einlädt – ins Team, in die Organisationen, in die Gemeinde.
 

Info:

Das Seminar "Einführung in Deep Democracy – Konflikte bearbeitbar und Stimmen hörbar" findet am 10.10.2025 in Augsburg statt. Mehr dazu findet ihr in Termin des Soziokratiezentrums Augsburg: Einführung in Deep Democracy. Fragen beantwortet auch Dominik Kieser unter dominik.kieser@soziokratiezentrum.org

 

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