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Augsburgs Energie- und Verkehrswende: Ein Interview mit Rainer Nauerz

Wir fragten Rainer Nauerz, den Geschäftsführer der Stadtwerke Augsburg, nach dem Stand der Energie- und Verkehrswende in Augsburg. Er gibt einen ehrlichen Einblick in die Herausforderungen.
Rainer Nauerz, Geschäftsführer der Stadtwerke Augsburg, im Gespräch

Rainer Nauerz ist seit Mai 2024 Geschäftsführer der Stadtwerke Augsburg und spricht offen über die Realitäten der Energie- und Verkehrswende. Er erklärt, warum 100 Prozent grüne Energie bis 2040 unrealistisch sind, solange niemand den dreifachen Strompreis zahlen möchte, und warum der öffentliche Nahverkehr durch steigende Kosten von E-Bussen vor enormen Finanzierungsproblemen steht. Seine Vision: ein deutschlandweites Solidarsystem für den ÖPNV und mehr Tempo bei der Energiewende – aber mit realistischen Zielen und bezahlbaren Lösungen.

Lifeguide: Seit Mai 2024 sind Sie Geschäftsführer der swa. Wie finden Sie, ist es um die Nachhaltigkeit hier in Augsburg bestellt?

Rainer Nauerz: Ich glaube, dass das Thema Nachhaltigkeit im ÖPNV hier sehr, sehr stark ist. Aber es gibt andere Bereiche, in denen andere Regionen schon ein wenig weiter sind, gerade beim Beispiel Elektromobilität.

Haben Sie Ideen, wie man das voranbringen könnte?

Wir sind dabei, unsere Strategie zur Ladeinfrastruktur zu überarbeiten, um einen nachhaltigen Pkw-Verkehr noch mehr zu fördern. Der Verkehr trägt erheblich zum CO2-Ausstoß bei. Daher setzen wir neben dem Ausbau des ÖPNV auf alternative Antriebe. Unser Ziel ist es, die Lademöglichkeiten für Pkw im öffentlichen Raum zu verbessern und uns mittelfristig auch um die Ladeinfrastruktur für Lkw und Busse zu kümmern.

Welche Innovationen stehen bei der swa an? Und warum verschwinden bald die Biogasbusse ?

Im ÖPNV tauschen wir uns intensiv mit Herstellern über die nächsten Innovationen im Verkehr aus. Neue Magnetschwebebahnen reduzieren Lärm und Verschleiß. Wir prüfen deren Entwicklung und andere aktuelle Lösungen wie Seilbahnen und Schnellbuslinien für Augsburg. Dies sind langfristige Visionen, die sich aus heutiger Sicht zunächst etwas surreal anfühlen. Aber auch hier heißt es, sich die Marktentwicklungen Ergebnis offen anzuschauen, um dann ableiten zu können, was auf unsere Region passt.
Die Stadtwerke waren bereits innovativ mit Biogasbussen, die CO2-neutral waren. Da Biogas jedoch nicht als emissionsfreier Antrieb anerkannt wird, elektrifizieren wir unsere Busflotte bald. In den nächsten 15 Jahren stellen wir nach und nach auf Elektroantrieb mit Batterien um.

 

Autonomes Fahren verlagert das Personal in die Zentrale

Wie sieht es beim autonomen Fahren aus, könnte man hier mehr Fahrzeuge trotz Personalmangels auf die Straße bringen?

Wir haben uns intensiv mit den Herstellern beschäftigt und vor 2035 ist  im ÖPNV, nichts zu erwarten. Die Anforderungen sind einfach zu groß und die Genehmigungsphasen so lang. Es gibt die ersten Pilotprojekte, doch dort verlagert sich eigentlich nur die Fahrertätigkeit vom Fahrzeug auf eine Zentrale. So haben Sie noch keine Personaleinsparung, Sie verlieren aber ein Stück Vertrauensbasis, wenn kein Mensch mehr im Fahrzeug ist. Es hat also Vor- und Nachteile.

 

Welche Themen liegen in näherer Zukunft?

Wir werden uns in der nächsten Zeit mit dem Energieverbrauch der Fahrzeuge pro befördertem Fahrgast beschäftigen müssen. Das war bisher im ÖPNV fast egal. Interessant ist, zu welcher Tageszeit wir welches Fahrzeug im Einsatz haben. Wenn ich in der Hauptverkehrszeit mit einer Straßenbahn fahre, ist das hocheffizient, hoch innovativ und hoch energieeffizient. Wenn ich aber in der Nebenzeit mit einer Straßenbahn vier, fünf Personen befördere und dazu 40 oder 50 Tonnen Stahl spazieren fahre, dann ist es nicht mehr effizient. Wir werden uns ansehen, wie wir den Takt, die Fahrzeugwahl oder auch die sogenannte Kabinengröße viel flexibler gestalten können. Man muss vielleicht auch nicht nach starren Zeiten und über starre Routen fahren. Da wird mehr an Innovationen kommen, als wenn man vielleicht an einen autonom fahrenden Bus denkt.

In fünf Jahren gehen 25 Prozent unserer Mitarbeitenden in Rente. Wir fragen uns, wo die neuen Mitabeitenden wohnen werden.

 

Rainer Nauerz, Geschäftsführer swa

In dem Zusammenhang nochmal einen Schritt zurück zum Thema Mitarbeiter*innen: Wie stellen Sie das sicher, dass Sie ausreichend Personal für die Stadtwerke bekommen? Gibt es da etwas Besonderes, das Sie machen?

 

Etwas besonders zu machen, ist nie leicht. Was macht ein Unternehmen attraktiv? Erstens: die Tätigkeit selbst. Zweitens: die Region. Und dann kommt die große Herausforderung – in fünf Jahren gehen 25 Prozent unserer Mitarbeitenden in Rente. Das schafft zwar Jobs, aber keinen Wohnraum, weil die Rentner bleiben. Wir brauchen also 25 bis 30 Prozent mehr Wohnraum. Gleichzeitig müssen wir als Stadtwerke massiv in Nachhaltigkeit, Energie- und Verkehrswende investieren. Wenn dann noch Werkswohnungen dazukommen, ist fraglich, ob wir das alles stemmen können.

Ich will mal ein Beispiel nennen: Ein neuer E-Bus kostet uns das Zwei- bis Dreifache eines Dieselbusses. Trotzdem erhöhen wir die Ticketpreise nicht – niemand zahlt gern 30 oder 50 Prozent mehr, nur weil der Bus schöner ist. Unser Verlust im Verkehrsbereich steigt von 40 auf 50 Millionen – durch neue Investitionen, Abschreibungen, Personal. Aber wir haben keine Möglichkeit, das über Einnahmen oder bestehende Fördermittel auszugleichen. Deshalb brauchen wir dringend neue Finanzierungsmodelle von Land oder Bund.

Früher konnten wir Verluste im Verkehr über Kostendeckungsbeiträge aus dem Energiebereich ausgleichen – das geht heute nicht mehr. In der Energiekrise mussten wir als Grundversorger einspringen, mit hohen Kosten. Wir haben einen klaren Nachteil gegenüber Anbietern, die keine Grundversorgung leisten müssen. Die können günstig anbieten, ohne Verantwortung zu tragen. Uns brechen dadurch die Margen weg. Und das bedeutet: Wir können den ÖPNV nicht mehr wie früher querfinanzieren. Ich verstehe, dass Verbraucher auf den Preis schauen – aber wir müssen Versorgungssicherheit stärker gewichten, gerade in dieser global angespannten Lage. Und das ist halt die Frage, ob man dem Thema Grundversorgung mehr Wert geben wird, neben dem parallelen Thema Nachhaltigkeit.

 

Energie sparen ist der beste und günstigste Weg zur Klimaneutralität

Bleiben wir beim Thema Energie. Ziel der Stadt ist ja: 100 Prozent regenerative Energie bis 2040. Ist das in irgendeiner Form realistisch?

Wenn Sie als Privatperson bereit wären, den dreifachen Preis zu zahlen, wäre 100 Prozent grüne Energie realistisch. Aber das ist aktuell nicht der Fall – also ist es unrealistisch. Wenn wir als Gesellschaft, sagen, wir wollen in 15 bis 20 Jahren ein Energiesystem umstellen, das wir über 120 Jahre mit hohen Investitionen aufgebaut haben, wird das kaum möglich sein. Und es kostet extrem viel Geld.

Sinnvoll wäre: Erst massiv Energie einsparen – 40, 50 Prozent – und dann rund 80 Prozent vom Rest auf erneuerbar umstellen. 100 Prozent grün bis 2035 oder 2040 ist technisch machbar, aber finanziell kaum. Kohle und Gas waren einfach sehr billig. Das, was wir heute haben wollen, kostet viel mehr.

Und: PV und Wind liefern nur, wenn Sonne scheint oder Wind weht. Bei Dunkelflaute springen Kraftwerke ein. Wenn wir das mit Speichern überbrücken wollen, reden wir über das Hundertfache an Kosten – und die landen beim Verbraucher. Das will keiner hören, ist aber Realität.

Klar ist: Wir müssen handeln. Die Klimakosten kommen sonst woanders – bei Hochwasser, Stürmen, Schäden. Aber wir müssen es realistisch angehen. Nicht aufschieben, aber auch nicht mit zu engen Zeitvorgaben.

 

Jetzt erscheint das Thema Strom ja tatsächlich einfacher zu lösen als die Wärmeversorgung. Wie gehen wir hier in Augsburg damit um?

Wenn wir die Wärmeversorgung, die wir aktuell haben, auf hundert Prozent Wärmepumpen umstellen möchten, kann unser Stromsystem das gar nicht leisten. Wir brauchen in den nächsten 50 Jahren Nahwärmelösungen und Übergangstechnologien wie Holzpellets, Geothermie oder anderen Quellen, um die Transformation des Stromnetzes verträglich umzusetzen. Sonst ist es auch unbezahlbar. Und da muss man genau schauen, bin ich im urbanen Bereich mit hoher Energiedichte als Abnehmer, sprich habe ich mehr Geschosswohnungsbau oder Reihenhäuser? Dort kann ich sehr gut mit Nah- und Fernwärme arbeiten, weil ich eine hohe Energieeffizienz habe. Im ländlichen Bereich dagegen, wo ich große Grundstücke habe, da ist die Wärmepumpe noch die ultimative Lösung, dann muss man dort die Stromnetze ausbauen, aber nicht ganz so stark wie im städtischen Bereich.

Elektrische Energie als Wärmequelle scheint die einzige CO2-neutrale Lösung zu sein.

 

Rainer Nauerz, swa-Chef

Sie sagten, das seien Übergangslösungen für 50 Jahre, was käme denn danach?

Ja, das ist die große Frage, wie gut wir die Gebäude in den 50 Jahren isolieren, wie wir unseren Bestand so weit reduzieren, dass wir deutlich weniger Energie verbrauchen. Dazu kommt das Thema Speichertechnologie. Ich sehe im Moment das Thema elektrische Energie als die Wärmequelle für alles, außer in der Industrie, aber das muss man dann verträglich machen. Das wird nur über Zentralisierung gehen, das wird nur über neue Anschlüsse an den Häusern gehen, nach und nach. Es sei denn, Sie haben eine autarke Möglichkeit, wenn Sie ein alleinstehendes Haus haben, mit großen Dachflächen, mit Grünflächen. Aber ansonsten, wenn die Bebauung etwas dichter wird, brauchen Sie was Zentrales.

 

Das ist ja auch eine Marketingfrage, kriegt man die Bürgerinnen dazu, das mitzufinanzieren?

Ich glaube, wir brauchen hier eine neue Ehrlichkeit. Es wäre viel ehrlicher, die Energie so teuer zu machen, wie sie sein müsste, damit das Energiesystem dementsprechend umgebaut werden kann. Aber das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, eine Ehrlichkeit zu bekommen, dass man die Kosten der Energie so gestaltet, dass man die Energiewende bezahlen kann. Wenn man einen Strompreisdeckel und Wärmepreisdeckel einführt, dann muss das Geld woanders herkommen, aus den Steuern.  Aber die Frage ist die Geschwindigkeit des Umstiegs. Man sollte vielleicht die Geschwindigkeit ein bisschen rausnehmen, damit alles noch bezahlbar bleibt. 

 

Wir brauchen eine Energiewende und eine Verkehrswende

 

Ist denn vor diesem Hintergrund die Elektromobilität in Ihrem Sinne?

Schauen Sie sich an, wer die Klimaerwärmung zum größten Teil verursacht. Das sind der Verkehr und die Gebäudeheizung. An beides müssen wir ran. Deswegen brauchen wir die Energiewende und die Verkehrswende. Und wenn wir Elektroenergie zentral erzeugen, ist das deutlich effizienter, als wenn wir es dezentral machen. Wenn die Kunden den Strom überall laden können, ist das ein gutes Konzept. Schöner wäre es natürlich, wenn wir den Individualverkehr zurückfahren würden. Man muss auch sehen, dass 25 Prozent des CO2-Ausstoßes eines Autos bei der Produktion anfällt. Das heißt, wir sollten Carsharing und ÖPNV, dort wo es möglich ist, stärker vorantreiben, denn jedes Auto, das nicht produziert wird, ist eine Rieseneinsparung - das wird oft vergessen. Deswegen ist Carsharing, das wir auch anbieten, ein wichtiger Baustein neben dem Swaxi und den anderen Themen, um einfach diese Vielseitigkeit des ÖPNVs als Angebot für den Wahlverkehr zu machen.

 

Gibt es denn hier schon so etwas wie Smart Grids oder die Möglichkeit, dass ich Strom beziehe in den Zeiten, in denen viel Energie zur Verfügung steht, aber wenig genutzt wird?

Das Problem ist ja, dass die Energiewirtschaft sehr stark reguliert wurde und wir leider das, was wir früher hatten, nämlich zum Beispiel Nachtstromheizungen, oder abschaltbare Verträge durch die Politik abgeschafft wurde. Das heißt, alles, was eigentlich sinnvoll wäre, um Netzinfrastruktur flexibler zu machen, hat man leider politisch abgesagt. Jetzt fängt man wieder an mit flexiblen Tarifen - aber aus Gründen des Verbraucherschutzes und nicht wegen der Netzstabiliät oder Netzauslastung oder um in Schwachlastzeiten eine konstante Abnahme zu gewährleisten. Wir müssen viel mehr auf die Netzwirtschaft hören, denn dann kommen dort auch bessere Preise raus.

Meine Vision lautet: Jeder Haushalt zahlt pauschal  25 Euro pro Monat und wir organisieren den ÖPNV einheitlich für ganz Deutschland. Zum Einziehen der Gebühren nutzen wir das GEZ-System.

 

Rainer Nauerz, Geschäftsführer swa

Zum Abschluss: was wären Ihre Wünsche für die Zukunft?

Für den ÖPNV wünsche ich mir, dass er ausreichend finanziert wird. Meine Vision lautet: Jeder Haushalt zahlt pauschal 25 Euro pro Monat und wir organisieren den ÖPNV einheitlich für ganz Deutschland. Zum Einziehen der Gebühren nutzen wir das GEZ-System. Mit dem Geld könnten wir einen deutschlandweiten ÖPNV aufbauen, den alle mit ihrem Personalausweis kostenlos nutzen könnten. Ein Solidarsystem für die Mobilität. Wir bräuchten das ganze Ticketsystem nicht mehr, da können wir sehr viel einsparen. Zudem finde ich Einheitssysteme sehr interessant, mit einer einheitlichen Taktung, die nicht davon abhängt, was sich die ein oder andere Kommune leisten kann oder will …

 

Und Ihre Vision für die Energie- und Wärmewende?

Wir haben viele Visionen, aber das muss man sich je Sparte anschauen. Klar ist: Wir müssen Wind und PV deutlich ausbauen und viel mehr bei Stromspeichern tun. Manchmal müssen wir auch den Naturschutz etwas zurückstellen. Es bringt nichts, wenn wir wegen jeder Orchidee Projekte blockieren, aber am Ende das Klima kippt. Wenn wir zu sehr ins Klein-Klein gehen, verlieren wir das große Ganze aus den Augen.

Mein Wunsch wäre: Mehr Vertrauen in die Technik und mehr Tempo bei der Energiewende, aber verträglich.

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