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Mobilität

Lastenfahrräder in unsere Städte!

Interview mit den Fahrradexperten Sven Külpmann und Christoph Mießl, die ihr umfangreiches Wissen im Augsburger Lastenfahrradladen Elephant Cargo weitergeben.
Sven Külpmann (links) und Christoph Mießl, Fahrradexperten des Augsburger Lastenfahrradladens Elephant Cargo. Foto: Cynthia Matuszewski

Wir wollen die Ressourcen, die wir haben, richtig einsetzen. Wenn wir mit Lastenfahrrädern im Mobilitätsbereich Energie einsparen, bleibt Energie für andere Schwerpunkte in unserem Leben übrig. Ganz zu schweigen von den volkswirtschaftlichen Kosten, die das Fahrrad einspart.

Sven Külpmann, Fahrradexperte vom Augsburger Lastenfahrradladen Elephant Cargo

Eine Stadt muss lebenswert sein – das ist die Meinung von Sven Külpmann und Christoph Mießl. Und lebenswert ist eine Stadt vor allem dann, wenn sie durch Fahrräder menschen- und umweltfreundlicher gemacht werden. Gemeinsam verfügen Sven und Christoph über mehr als 30 Jahre Erfahrung mit Fahrrädern. Ihre umfangreiche Expertise teilen sie seit Mai 2021. Sie führen die Lastenfahrrad-Filiale des Dynamo Fahrradladen, das Elephant Cargo. In ihrem Entwurf einer zukunftsfähigen Stadt spielt die bewusste Entscheidung für das Lastenfahrrad – sowohl bei Familien als auch bei Unternehmen - eine zentrale Rolle. Wir treffen sie in ihrer Fahrrad-Werkstatt am Brunnenlech.

 

Was macht Lastenfahrräder für Unternehmer*innen so attraktiv?

Sven Külpmann: Für ein Lastenfahrrad sprechen eine Fülle von Argumenten. Lastenfahrräder kosten sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt weniger als beispielsweise ein Firmen-PKW, sie brauchen weniger Stellplatz und weniger Platz auf der Straße, man kommt innerstädtisch schneller von Tür zu Tür, man hat keine Parkplatzprobleme und auch Menschen ohne Führerschein - wie beispielsweise  Azubis - können damit für das Unternehmen unterwegs sein.

Ganz nebenbei trägt die Lastenradflotte auch ein umweltfreundliches Unternehmensimage nach außen. Und derzeit nicht zu unterschätzen: du bist krisensicher unterwegs!

 

Ein Lastenfahrrad für Unternehmer*innen hat ja bis zu vier Räder und sieht aus wie ein Mini-Transporter. Wieviel Kilogramm Zuladung kann so ein Lastenfahrrad aufnehmen?

Sven Külpmann: Es gibt Modelle mit bis zu 350kg Zuladung – inklusive Fahrer oder Fahrerin und bis zu 1500l Volumen.

Wir haben festgestellt, dass die Menschen das Gewohnte mögen. Also haben manche unserer Lastenfahrräder Dächer und eine gewisse Ähnlichkeit zum Auto.

Christoph Mießl, Fahrradexperte vom Augsburger Lastenfahrradladen Elephant Cargo

Sven Külpmann: Diese Sit-Cars sind elektronisch unterstützte Fahrzeuge, die rechtlich Fahrräder sind. Du hast also ein Dach über dem Kopf und bist gegen Regen geschützt.

 

Wenn wir uns eine (leider noch) ganz normale Straße vorstellen – mit einem schmalen Fahrradweg – wo fährt dann das Lastenfahrrad?

Sven Külpmann: Am Ende des Tages ist ein Lastenfahrrad ein Fahrrad. Es darf also auf dem Fahrradweg fahren. Das hängt aber sicher  von der konkreten Situation ab. Lässt die Breite oder der Zustand eine Nutzung mit Lastenfahrrad nicht zu,  darf man auch bei benutzungspflichtigen Radwegen auf die Fahrbahn ausweichen.

 

Wie hoch ist die Höchstgeschwindigkeit?

Sven Külpmann: Ein wenig hängt das vom Antriebssystem ab: Bei Kraftübertragungen mit Kette oder Riemen ist die Höchstgeschwindigkeit letztendlich durch die Kraft und Schnelligkeit des Fahrers limitiert.  Dabei ist bei Pedelecs die elektrische Tretunterstützung auf 25km/h begrenzt.

Beim „seriellen Hybrid“, welcher ohne mechanische Verbindung zwischen Tretkurbel und Antriebsachse auskommt, wird die Geschwindigkeit elektronisch auf 25km/h begrenzt.

 

Was kostet ein Lastenfahrrad für Familie oder Gewerbe?

Sven Külpmann: Die Spanne reicht bei uns - vereinfacht gesagt - von 1.500 bis 15.000 Euro. Für ein solides elektrisches Alltagslastenpedelec sollte man etwa 6.500 Euro rechnen.

Christoph Mießl: Zum Glück ist das Lastenfahrrad als nachhaltiges Mobilitätskonzept jetzt mitten in unserer Gesellschaft angekommen. Gab es vor einigen Jahren noch eine Diskussion über die Kosten, so wird jetzt das Preis-Leistungsverhältnis gut akzeptiert.

Viele haben bereits verinnerlicht, dass wir durch die Förderung des Radverkehrs die Rückkehr zu einer Stadt schaffen können, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Lebens- und Aufenthaltsqualität kehren wieder zurück und unsere schöne Innenstadt kann wieder aufatmen.

Christoph Mießl, Fahrradexperte vom Augsburger Lastenfahrradladen Elephant Cargo

Wenn das Rad mal defekt ist. Ihr habt eine eigene Werkstatt…

Christoph Mießl: … die bei der Handwerkskammer eingetragen ist und speziell auf die Anforderungen durch (Schwer-) Lastenräder ausgelegt ist. Das reicht vom ebenerdigen Zugang bis zum 200kg Deckenlift und soliden Arbeitstischen.

(Christoph nimmt seinen kleinen Sohn und demonstriert den Fahrradlift – alle Anwesenden sind begeistert)

Christoph Mießl in der Werkstatt des Augsburger Lastenfahrradladens Elephant Cargo. Foto: Cynthia Matuszewski

Stichwort Elektrofahrrad und ökologischer Fußabdruck: Wie ökologisch ist ein Fahrrad mit Akku?

Sven Külpmann: Wie ökologisch ist ein e-SUV? Sind die Seltenen Erden der Akkus im energie-effizienteren Fahrrad nicht deutlich besser aufgehoben? Vergleiche einfach einmal Zuladung und Eigengewicht!

 

Gibt es andere nachhaltige Kriterien beim Fahrradkauf?

Sven Külpmann: Ja, das Thema ist aktuell auch in der Fahrradbranche groß. Da der Öko-Fußabdruck bei jedem Rad schon deutlich besser ist, als bei all seinen Mobilitätsalternativen, ist das aber schon Optimierung auf hohem Niveau. Das Rad ist dazu noch ein Produkt aus sehr vielen Einzelkomponenten - die natürlich sehr global hergestellt werden. Wenn man Wert darauf legt, kann man dennoch darauf achten, dass ein hoher Anteil der Komponenten in Europa hergestellt wird. Viele Hersteller ziehen nach Corona auch ihre Rahmenproduktion zurück nach Europa.

 

Wenn ich ein Unternehmen auf dem Land habe – welche Möglichkeiten gibt es da für mich, ein Lastenfahrrad in meinen Arbeitsalltag einzubinden?

Christoph Mießl: Die Frage ist nicht direkt wo mein Unternehmen ist, sondern wo meine Wege passieren und wie ich sie optimieren kann: wo sitzen meine Kundinnen und Kunden, wo wohnen meine Mitarbeiter*innen. Wie weit sind die Wege zwischen Handwerker*innen oder produzierendem Gewerbe? Hier kann man erfinderisch sein: Ein Firmenshuttle zu zentralen Treffpunkten kann eine gute Lösung sein.  Material kann auf die Baustelle geliefert werden. Das Fahrrad ist ja nicht immer und überall das Allheilmittel. Lieferwagen haben durchaus ihre Daseinsberechtigung – nur nicht unbedingt in der Stadt. In der Stadt ist der Kaminkehrer auf dem Lastenfahrrad immer das positive Paradebeispiel für den gelungenen Einsatz eines Lastenfahrrads.

 

Kann jede*r Lastenfahrrad fahren?

Christoph Mießl:  JA, so ziemlich. Die Fahrer*innen müssen nicht sehr sportlich sein. Und es gibt Modelle, die das Rangieren einfach machen.

 

Wie sicher sind Augsburgs Straßen, wenn ich mit dem Familien-Lastenbike unterwegs bin?

Sven Külpmann: Das sollte man lieber empirisch erfassen. Jede Aussage von uns ist subjektiv. Hier müssen verlässliche Messungen erhoben werden, die Polizei müsste Statistiken zu Unfällen UND auch zu anderen Konflikten, wie Beleidigungen wegen RoadRage (Wut auf der Straße), Beinahe-Unfällen oder „Gefährdung im Straßenverkehr“ erfassen. Dann bekäme man ein umfänglicheres Bild. Was man aber tun kann um das Risiko zu senken: Ich nutze zum Beispiel mit Kindern,  die selbst Rad fahren, ruhige Nebenstraßen. Man kann Strecken wählen auf denen man sich sicherer fühlt. Das sind häufig auch die schöneren Routen.

 

Wenn Du in einer Wohnung in der Innenstadt wohnst und keinen Stellplatz hast  – wie sicherst du dein Lastenfahrrad nachts?

Sven Külpmann: Du brauchst ein solides Schloss, gegebenenfalls mit  Alarmfunktion und eine Plane oder Überdachung hilft gegen Wettereinflüsse. Für den Ernstfall ist eine spezielle Fahrradversicherung unter Umständen eine sinnvolle Ergänzung.

 

Womit fahrt ihr privat am liebsten?

Christoph Mießl: Ich fahre seit 8 Jahren ein leichtes Lastenrad mit zwei Rädern „Omnium Cargo“ ohne Motor. Es ist mein Alltagsrad und ich nutze es um meinen Sohn zu transportieren, aber auch große Gegenstände. Außerdem ist das Ziehen eines Anhängers damit kein Problem. Meine anderen Räder (Rennrad, Gravelbike, Speedbike) werden aber auch sehr regelmäßig bewegt und ich will nicht auf sie verzichten :-)

Sven Külpmann: Ich habe so gut wie immer unseren Werkstatthund „Nova“ dabei. Daher ist mein Alltagsrad ein leichtes und wendiges Lastenrad mit tiefer Ladefläche von „Cargo Bike Monkeys“ aus Münster. Das ist sozusagen der unmotorisierte Gegenentwurf zum Sportkombi.

Was treibt euch persönlich an?

Christoph Mießl: Die praktische und dankbare Arbeit mit Fahrrädern und die damit verbundene sinnvolle Aufgabe trägt zu einem erfüllten Leben bei. Es werden auch begehrte Arbeitsplätze geschaffen und für mich ist es mein Beitrag zu einer nachhaltigen Zukunft.

Ohne positive Veränderungen für unsere Erde kann ich mir kein schönes Leben für meinen Sohn vorstellen.

Christoph Mießl, Fahrradexperte vom Augsburger Lastenfahrradladen Elephant Cargo

Sven Külpmann: Eine fahrradfreundliche Stadt ist auch eine menschenfreundliche Stadt. Wenn ich durch mein Wohnviertel laufe träume ich davon dass, die Kinder die dort spielen mehr Platz haben zu spielen, ohne parkende Autos und Durchgangsverkehr.

Ich sehe Städte als Lebensraum und wünschte mir, wir würden öffentliche Flächen als Raum für Begegnung betrachten und nicht als potentielle Abstellfläche von Privateigentum. Menschen dazu zu ermächtigen auf das eigene Auto verzichten zu können, sehe ich daher als meinen Beitrag für eine gesündere und solidarischere Gesellschaft.

Sven Külpmann, Fahrradexperte vom Augsburger Lastenfahrradladen Elephant Cargo

Sven Külpmann und Christoph Mießl vom Augsburger Lastenfahrradladen Elephant Cargo. Foto: Cynthia Matuszewski

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