Ein brechtiges Stück zur Klimafrage

Augsburgs Staatstheater bringt „Freitags vor der Zukunft"

Ein namenloser Autokonzern sucht angesichts der Klimaherausforderungen unserer Zeit nach Neuorientierung. In, mit und für Augsburg wurde diese Dystopie von Matthias Naumann vom Theaterkollaborativ Futur II Konjunktiv erarbeitet und umgesetzt. Norbert Stamm, Leiter des Büros für Nachhaltigkeit der Stadt Augsburg, war bei der Uraufführung:

Wissenswerte Fakten, starke Intention, guter Text - das am Freitag vor der Bundestagswahl, am 24. September 2021 also, im Augsburger Staatstheater uraufgeführte Theaterstück „Freitags vor der Zukunft“ des Theaterkollaborativs Futur II Konjunktiv passt in die Tradition Augsburger Theatertexte . „Freitags vor der Zukunft“ ist klar inszeniert: unwirtliche Landschaft, einsame Straßenlaterne, glatte Auf- bzw. Abstiegsrampe, undurchsichtiges Gartentreibhaus. Darüber Wolken, die an Autos erinnern, seifenblasenlike, die allerdings nicht weiterziehen und auch nicht platzen. Noch nicht.

Ein namenloser Autokonzern braucht Neuorientierung. Was ist noch verantwortbar zu produzieren? Sind E-Autos die Lösung? Für wen wird produziert – für die profitinteressierten Aktionärinnen und Aktionäre? Was passiert bei einem radikalen Umbau mit den Arbeiterinnen und Arbeitern? Welche Rolle nimmt Politik ein?

Das Faszinierendste, weil lebendigste, sind die Schauspielerinnen und Schauspieler, die Schöpfung auf ihren Baumwollgewändern tragen. Brechtgemäß spielen sie verschiedene Rollen, Typen zweier Generationen rund um einen Autokonzern: erfahrene Geschäftsführerin, dynamischer Manager, alter Gewerkschafter, hipper Lobbyist, junge Haupterbin, konsequente Klimaaktivistin, gestandener Politiker. Von Zeit zu Zeit vereinen sie sich zum Chor der Wissenschaft... 

Der Text von Matthias Naumann packt, greift, trotz Informationslast, lässt die Zeit vergessen.

Man lehrte uns über die Natur, ihre Ausbeutung
sei richtig, sei vernünftig, wie einst
zum Beispiel Sklaverei es war.
Vernünftiges Eigeninteresse des Menschen
- zu entscheiden, dass er
die Spatzen zum Beispiel nicht braucht und sie tötet.
Insekten tötet. Fische braucht und sie tötet, das Meer,
Wechselspiele aus Lebensformen und Vielfalt
wie ein Planet unverstanden,
und wär's uns nicht nützlich, wär es nichts wert
(...)“

Nicht nur die Fakten packen, die Sprache, die Figuren – auch die Szenerie: Neben dem Bühnenbild ist das auch der gesamte Aufführungsort altes Gaswerk. Gespielt im alten Kohle verbrennenden Ofenhaus kommen viele Zuschauende herüber aus dem funktional-dystopischen Parkhausneubau. Zwischen Parkhaus und Theater immerhin einige Fahrradständer. Und auch nicht weit die Haltestelle zum viertelstündigen Bus.  
Angetrieben von der Klimaherausforderung stellt „Freitags vor der Zukunft“ die Frage nach der Zukunft unserer Gesellschaft. Entstanden ist es aus gründlicher Recherche und, das wird immer wieder deutlich, aus Gesprächen mit Klimaaktivist*innen. Da hat Augsburg ja sehr interessante zu bieten. Ein Augsburger Stück also. Und weit darüber hinaus. Thema ist der Umbau der industriellen Produktion, konkret der Automobilindustrie. Also nicht nur ein Augsburger Stück – wir haben zwar Faurecia, die auf C02-freie Mobilität setzen oder den Automobilzulieferer Hörauf & Kohler, aber wir sind nicht Wolfsburg, München, Dingolfing oder Stuttgart.

Auch wenn „Freitags vor der Zukunft“ keinen garantiert erfolgreichen Geschäftsplan für den Automobilkonzern bietet, lege ich es allen wirtschaftlich Verantwortlichen ans Herz. Und damit eigentlich allen, die wir ja Rollen im kapitalorientierten Wirtschaftssystem spielen.

Fazit: Theater der Gegenwart. Wichtige gesellschaftlichen Fragen aufgreifend. Prächtig brechtig.

Norbert Stamm, Lokale Agenda für ein zukunftsfähiges Augsburg

Weitere Aufführungen im Oktober, November und Dezember 2021 sowie im Januar, Februar, März und Mai 2022.

Freitags vor der Zukunft, Matthias Naumann, Staatstheater Augsburg, Foto: Jan-Pieter Fuhr
Freitags vor der Zukunft, Matthias Naumann, Staatstheater Augsburg, Foto: Jan-Pieter Fuhr
Freitags vor der Zukunft, Matthias Naumann, Staatstheater Augsburg, Theaterkollaborativ Futur II Konjunktiv,  Foto: Jan-Pieter Fuhr
Freitags vor der Zukunft, Staatstheater Augsburg, Foto: Jan-Pieter Fuhr

Über den Autor

Dr. Norbert Stamm

Mitarbeit schon beim alten "Lifeguide Augsburg". Leitet das Büro für Nachhaltigkeit und Geschäftsstelle Lokale Agenda 21 der Stadt Augsburg. Ausbildung als Literatur- und Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt Afrika, zusätzlich Studium Christlicher Sozialwissenschaft. Ehrenamtlich Mitvorstand des Eine Welt Netzwerks Bayern e.V. Verschiedene Veröffentlichungen, darunter "Augsburg Afrika. Ein Buch über Beziehungen" (1996) und "Rendite plus - Möglichkeiten sozialverantwortlicher Geldanlage" (2000). Mitherausgeber von "Kommunen und Eine Welt" (3. Auflage 2014), "Entwicklungspolitik in Bayern - Analysen und Perspektiven" (9. Auflage 2017) sowie "Runder Tisch Bayern: Sozial- und Umweltstandards bei Unternehmen" (jährlich seit 2007).

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