„Du kannst die Welt nicht komplett retten, aber... einen Garten anlegen“

Interview mit Tine Klink, erste und einzige Insektenrangerin Augsburgs

Seit Mai 2021 ist Tine Klink als Insektenrangerin auf ihrem E-Bike in Augsburg unterwegs. Sie arbeitet für die Umweltstation Augsburg. Die Hauptaufgabe der Urban-Gardening Spezialistin und Umweltbildnerin ist es, Menschen zu beraten, wie sie ihre Gärten oder Grünanlagen insektenfreundlich anlegen oder entsprechend umgestalten können.

Wichtig sind darüber hinaus auch Ratschläge, wie ein naturnaher Garten langfristig gepflegt wird. Das Potential für insektenfreundliche Grünflächen in Augsburg ist groß: Neben Privatpersonen können auch Unternehmen, Sportvereine, Eigentümergemeinschaften und Siedlergemeinschaften auf Tine Klink zukommen.

Steckbrief:
Name: Tine Klink
Geburtsjahr: 19irgendwas in den 70ern
Beruf: Aktuell Insektenrangerin. Aber auch Schreinerin, Soziologin, Umweltbildnerin, Künstlerin und seit 2021auch Gartentherapeutin
Geboren in: Neunkirchen/Saar
Lebt in: Pfersee – dem schönsten Dorf der Welt
Lieblingsort(e) in Augsburg: Der eigene Kleingarten, Rohböden bei der Schießplatzheide, Café 13

Cynthia Matuszewski: Insektenrangerin ist ja ein eher seltener Beruf. Was wolltest du als Kind werden?
Tine Klink: Archäologin. Bis ich gemerkt habe, wie viele Sprachen man dazu lernen muss.

Und warum bist du heute Insektenrangerin – was motiviert dich, was treibt dich an?
Wie es halt so ist: das Leben öffnet Türen und ich schau gern nach, was dahinter los ist. So ergeben sich neue, unbekannte und unverhoffte Chancen.
Ich finde es einfach schön, Wissen in einem nicht schulischen Kontext an Interessierte weiterzugeben und freue mich, wenn Leute aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Die Natur bietet Potential zum Staunen in einer unbegreiflichen Menge." Tine Klink, Insektenrangerin in Augsburg

Trägst du bei deiner Arbeit auch so einen braunen Rangerhut?
Nein, ich habe einen wunderschönen Strohhut von der Augsburger Hutmacherin Doris Limmer, in Handarbeit hergestellt.

Du stehst mit einer Gartenbesitzerin oder einem Gartenbesitzer in ihrem oder seinem Garten. Wie fängst du an?
Zunächst kläre ich die wichtigsten Fragen: Was soll in eurem Garten passieren? Habt ihr Kinder? Was braucht ihr, was wollt ihr, was wollt ihr nicht? Wie viel „Unordnung“ ertragt ihr? Welche Gärtner*in seid ihr, lieber lazy oder lieber busy? Wie ist die Bodenqualität, wie ist die Lage und welche Strukturen hat der Garten?

Zum Beispiel: Wollt ihr was für die Artenvielfalt tun, dann macht erst mal viel weniger im Garten. Oder braucht ihr Platz, damit die Kinder spielen können, dann braucht ihr einen gemähten Rasen, in dem nicht ständig die Gefahr besteht, auf eine Biene zu treten. Warum wollt ihr denn, dass das Moos weg soll – es ist doch weich, man muss es nicht mähen und es gibt ja einen Grund, warum es dort wächst. Welche Standortbedingungen habt ihr hier?

Man kann nicht überall alles machen." Tine Klink, Insektenrangerin in Augsburg

Dann müssen wir uns anschauen, was überhaupt vorhanden ist. Man kann nicht überall alles machen. Im städtischen Gartenumfeld mit kleinen Flächen macht es wenig Sinn, Grasnarben zu zerstören, um eine artenreiche Wiese anzulegen. Denn mit dem Gras trage ich ja auch eine Schicht Humus, also gewachsene, wertvolle Erde und gebundenes CO2, ab. An einer solchen Stelle ist es sinnvoller, einheimische Stauden zu pflanzen, als 30 cm tief eine Wandkies-Sand-Mischung einzubringen.

Eine „normale“ Gartenwiese könnte man seltener mähen, zwei-, dreimal im Jahr und einfach mal schauen, was da alles wächst. Vielleicht wachsen Margeriten? Insekten profitieren von der selteneren Mahd, sie finden mehr zu fressen, gute Kinderstuben und die Möglichkeit, geschützt über den Winter zu kommen." Tine Klink, Insektenrangerin in Augsburg

Eines macht eigentlich immer Sinn: Ziersträucher ohne Mehrwert für Insekten wie Kirschlorbeer, Thuja oder Forsythie durch Stauden oder einheimische Wildgehölze zu ersetzen. Der Pflegeaufwand ist meist gleich oder sogar weniger, aber Wildgehölze sind abwechslungsreicher, bunter, man kann meistens was zum Essen und Trinken draus machen und sie sind super für die Artenvielfalt. Nicht überall geht alles. Du kannst in Deinem Garten nicht allen Lebewesen gerecht werden.

Die einen wollen eine wöchentlich getrimmte Liegewiese, andere einen Platz zum Grillen und die dritten einen naturnahen und insektenfreundlichen Garten. Wie fängst du an, wenn mehrere Menschen sich eine Grünanlage teilen?
Die Erwartungshaltungen sind teilweise ja völlig unterschiedlich, d.h. ich muss erst herausfinden, wie eine gemeinsame Nutzung möglich ist, welche Kompromissbereitschaft bei den einzelnen Parteien vorhanden ist. Die einen wollen Blumenwiesen, die aussehen, wie sie es aus ihrer Kindheit kennen, die anderen haben bei Blühwiesen Angst vor Zecken, die nächsten wollen Platz für ihre Hunde haben, wieder andere möchten sich auf eine Decke legen und in Ruhe in die Wolken gucken usw. Es geht hier um Kommunikation, die ich versuche, zu moderiere und eine Lösung zu finden, mit der alle leben können. Zur Gestaltung stelle ich dann aber dieselben Fragen wie bei einer Einzelberatung.

Was gehört deiner Meinung nach in jeden Garten, in jede Grünanlage?

Meiner Meinung nach gehören in jeden Garten begeisterte Menschen mit einem großen Herzen für Tiere und Pflanzen. Menschen, die zu schätzen wissen, dass sie ein Stückchen Grün für sich haben und dies auch im Sinn der Biodiversität nutzen, anstatt 24/7 den Mähroboter über den dysfunktionalen Golfrasen laufen zu lassen." Tine Klink, Insektenrangerin in Augsburg

Andererseits darf man nicht vergessen, dass wir uns in einer Kulturlandschaft befinden, in die auch beispielsweise ansprechend gestaltete Ruhebereiche gehören, in denen man die Seele baumeln lassen kann. Oder auch mal gefüllte Pfingstrosen stehen lässt, auch wenn kein Insekt was davon hat, aber dafür das Auge und die Seele.

Was würdest du gern aus den Gärten verdammen?
Plastik und LED-Beleuchtung. Alles, was nach einem Jahr auf dem Kompost sich immer noch nicht zersetzt hat, z.B. Kirschlorbeer.

Dein schönstes Erlebnis als Insektenrangerin?
Puh, das kann ich gar nicht pauschal sagen. Jedes Gespräch, jeder Termin ist spannend und interessant. Ich freue mich jedes Mal, wenn jemand sagt: „Das wusste ich noch gar nicht“.
Zwei Erlebnisse möchte ich dennoch hervorheben: Der Besuch auf dem Hermanfriedhof in der Innenstadt zusammen mit dem Umweltbeauftragten des Bistums Augsburg und dem Geschäftsführer des Friedhofs.

Interessierte können auf dem Augsburger Hermanfriedhof stillgelegte Gräber insektenfreundlich bepflanzen und betreuen. Das finde ich eine sehr spannende Möglichkeit für Menschen, denen Garten zu groß und zu viel Aufwand ist, die keinen Balkon haben oder sich einfach nur ehrenamtlich zu betätigen möchten." Tine Klink, Insektenrangerin in Augsburg

Und in der Siedlergemeinschaft Schafweidsiedlung bin ich auf so viele begeisterte Menschen gestoßen, dass sich aus einem zunächst einmalig gedachten Beratungstermin jetzt noch weitere Projekte ergeben werden.

Was ist deine Lieblingspflanze und warum?
Löwenzahn. Die gelben Wiesen nach dem Winter sind wunderbar für die Seele und die Augen, Löwenzahnsalat mit hartgekochten Eiern, Speck, Croutons und Senfdressing katapultiert mich Hals über Kopf in die Kindheit zurück. Man kann leckeren Sirup machen und wer hat nicht schöne Erinnerungen an Pusteblumen? Aber das Beste: 70 Wildbienenarten profitieren vom Löwenzahn!

Wenn du in deinem Garten sitzt – was passiert dann mit dir?
Wie, sitzen? Es gibt doch immer was zu schaffen im Garten ;).Tatsächlich erdet mich der Garten im wahrsten Sinne des Wortes. Ich kann abschalten, den Kopf leeren, die Gedanken schweifen lassen, fast in eine Art Trance geraten. Oder ich schlaf ganz schnell auf der Hollywoodschaukel ein.

Welches Insekt wärest du gern einmal für einen Tag? Warum?
Das ist eine ganz schön schwierige Frage, bei gut einer Million Insektenarten. Eines, das fliegen kann, das nicht gleich von Menschen erschlagen wird oder in einer Fruchtfliegenfalle ersäuft vielleicht?

Ich habe ja schon ein besonderes Faible für Wildbienen. Sie haben so wunderbare deutsche Namen wie Runzelwangige Schmalbiene, Senf-Blauschillersandbiene, Sandglöckchen-Glanzbiene, Löwenzahn-Dörnchensandbiene, Wimpernfüßige Wespenbiene oder Gelbspornige Stängelbiene – das ist doch Poesie pur!" Tine Klink, Insektenrangerin in Augsburg

Was bedeutet nachhaltig leben für Dich?
Die nächste schwierige Frage, da ich – wie wohl fast alle von uns – voller Widersprüche lebe. Ich bin leidenschaftliche Radfahrerin, habe kein Auto, fliege aber in den Urlaub. Mein Mann und ich sind Mitglied bei der Solidarischen Landwirtschaft, konsumieren also regionales und saisonales Gemüse und kaufen so gut wie nie was an Gemüse zu, essen aber manchmal Fleisch. Ich kaufe so gut wie nie neue Kleidung, wir kaufen regelmäßig unverpackt, ich mache meine Putzmittel selbst, trinke Leitungswasser, aber streame viel online.
Ich würde nicht mal sagen, dass ich mein Bestes versuche, nachhaltig zu leben. Aber in den Bereichen, in denen ich es tue, tue ich es gerne und mit einer völligen Selbstverständlichkeit. Ich habe festgestellt, wenn man einmal damit angefangen hat und die Anfangsschwierigkeiten überwunden hat, macht es das Leben so viel einfacher.

Du bist Bürgermeisterin von Augsburg. Was änderst Du?
Mehr Geld bzw. Personal für den Betrieb des neuen Umweltbildungszentrums zur Verfügung stellen, das ab 2022 ein wichtiger Lernort werden wird, um die Nachhaltigkeit in Augsburg erlebbar zu machen.

Tines Tipps: Was kann jede*r auf dem Balkon und im Garten für Insekten tun?
Es gibt schon ein paar Sachen, die man auf dem Balkon und im Garten machen kann, wie z.B. Kräuter anbauen, Wasserstellen anbieten, Frühblüher anpflanzen. Aber generell sind Garten und Balkon natürlich sehr verschiedene Lebensbereiche und es gibt kein einzelnes Patentrezept, das überall anwendbar ist. Deswegen ist es mir so wichtig, als Insektenrangerin konkrete Ratschläge vor Ort geben zu können.

Habe ich vergessen etwas zu fragen?
Typisch wäre ja jetzt so eine „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren“ -Frage...
In fünf Jahren sehe ich mich in einer unbefristeten Stelle beim Umweltbildungszentrum, zusammen mit vielen tollen unbefristeten Kolleg*innen, um noch viel mehr Menschen meine Beratung anbieten zu können. Und wer weiß, vielleicht ist in zehn Jahren meine Stelle als Insektenrangerin überflüssig ist, da insektenfreundliches Gärtnern Allgemeingut geworden ist. Dann steht einer zweiten Karriere als Löwenzahn-Dörnchensandbiene ja nichts mehr im Wege :).


Ihr wollt, dass Tine zu euch in den Garten kommt?

Kontakt über die Umweltstation Augsburg
T: 0821/324-6074
M: t.klink [at] us-augsburg.de

Projektinformationen gibt es hier:
www.insektenvielfalt-augsburg.de
www.us-augsburg.de/unsere-projekte/insektenrangerin

INFO:
Die Insektenrangerin Tine Klink ist bei der Umweltstation Augsburg angestellt, einer von 60 staatlich anerkannten Umweltbildungseinrichtungen in Bayern. Unterstützt wird die Insektenrangerin durch die Stadtsparkasse Augsburg. Tine Klink führt das Projekt Insekten.Vielfalt.Augsburg fort, in dessen Rahmen von 2019 bis 2021 mehr als 25 Hektar Land insektenfreundlich gestaltet wurden – das entspricht einer Fläche, die größer ist als der Kuhsee.

 

Tine Klink, Insektenrangerin, Augsburg, Umweltstation Augsburg, Insektenvielfalt, Foto: Cynthia Matuszewski
Kurzschwänziger Bläuling, Schmetterling, Foto: Nicolas Liebig, Umweltstation Augsburg,
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Wiese, Insektenvielfalt, Margeriten, Foto: Nicolas Liebig, Umweltstation Augsburg, Physik-Wiese, Universität Augsburg
Tine Klink, Insektenrangerin, Augsburg, Umweltstation Augsburg, Insektenvielfalt, Wertach-Wiesen Augsburg, Foto: Cynthia Matuszewski
Landschaftspflegeverband Augsburg, Aussaat,  Foto: W. Willner
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Tine Klink, Insektenrangerin, Augsburg, Umweltstation, Insektenvielfalt, Foto: Cynthia Matuszewski

Über die Autorin

Cynthia Matuszewski

Cynthia Matuszewski ist Journalistin und Fotografin. Sie ist ein Fan von konstruktivem Journalismus. Der fragt nicht nur: „Was ist das Problem?“, sondern auch „Gibt es Lösungen oder Teillösungen – und wenn ja, welche?“ und „Sind diese Ideen auch alltagstauglich?“. Deshalb ist sie seit 2013 begeisterte Chefredeakteurin vom Lifeguide Augsburg. Denn hier kann sie von Menschen und Projekten erzählen, die unsere Welt verändern wollen – und zwar so, dass sie gerechter, umweltfreundlicher und lebenswerter wird. Von diesen Mutmacher*innen gibt es viele – und zwar direkt vor unserer Haustür, sagt Cynthia. Geprägt hat sie ihre heitere Kindheit in Köln und ihre Zeit im zweigeteilten Berlin – wo sie eine Lehre zur Fotografin absolvierte und mit Fotoaufträgen ihr Studium an der Freien Universität Berlin finanzierte. Sie hat sowohl für Printmedien und Hörfunk gearbeitet, als auch als PR-Referentin. Sie engagiert sich für Frauenrechte und glaubt nach wie vor an die Kraft der Sprache. Deshalb befürwortet sie auch das holprige, für notwendige Veränderungen aber in ihren Augen unentbehrliche, Gender-Sternchen*. Seit 2019 ist sie – zusammen mit den anderen Macher*innen des Lifeguide – stolze Trägerin des Augsburger Zukunftspreises.

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