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Lokale Agenda 21

Lokale Agenda 21
Engagement für ein nachhaltiges Augsburg
Norbert Pantel (links) und Thomas Hecht von der Lokalen Agenda 21 in Augsburg bei der Demonstration Fridays for Future in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski

Dieser Lifeguide-Artikel erscheint am 15.Oktober 2019 auch in der Purpur, dem neuen Magazin zu verantwortungsvollem Leben in Augsburg und Umgebung aus dem Hause liesLotte.

 

Seit über 20 Jahren setzen sich viele Augsburger*innen für immer mehr Nachhaltigkeit in unserer Stadt ein. Sie engagieren sich für eine fahrradfreundliche Stadt, für plastikfreies Leben, regionale Lebensmittel, Gärten in der Stadt oder für Umwelt- und Naturschutz.

„Lokale Agenda 21? ... nie gehört.“ So in etwa lautet die Reaktion, wenn wir im Freundes- oder Bekanntenkreis nachfragen. Dabei existiert die „Lokale Agenda 21 - für ein zukunftsfähiges Augsburg“ (das ist der vollständige Titel) in Augsburg bereits seit über 20 Jahren. Was steckt also hinter diesem sperrigen Begriff? Die Lokale Agenda 21 steht für einen Prozess, dessen Ziel es ist, aus Augsburg eine nachhaltige(re) Stadt zu machen. Damit sind die Augsburger*innen bisher recht erfolgreich: 2013 erhielt die Stadt den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. 2018 wurde der Augsburger Agenda-Prozess erneut bundesweit ausgezeichnet. Aktuell stehen über 600 Menschen hinter der Lokalen Agenda 21. Seit 1996 setzen sie sich dafür ein, dass unsere Stadt ökologischer, zukunftsfähiger, fairer und lebenswerter für alle wird.

 

Wie können sich in Augsburg Aktive vernetzen?

Das ist insofern spannend und hochaktuell, da seit Wochen immer mehr Menschen freitags auf die Straße gehen, um für wirksamen Klimaschutz zu kämpfen und die Politiker*innen auffordern, endlich schnell und effektiv zu handeln. Längst gehören nicht mehr nur Jugendliche zur Fridays-for-Future-Bewegung, sondern auch Scientists-, Parents- oder Artists-for-Future. Am 20. September 2019 streikten allein 1,4 Millionen Menschen in Deutschlands für effektiven Klimaschutz – 6.000 davon in Augsburg.

Da ist es gut, sich mit den bereits vorhandenen Strukturen vor Ort auszukennen. Damit man sich gegenseitig vernetzen, stärken und unterstützen kann, auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel: Dem Schutz und Erhalt einer lebenswerten Welt für unser Kinder und Enkelkinder. Deshalb waren Akteure der Augsburger Lokalen Agenda 21 auch am 20. September beim Klimastreik dabei.

Damit die Nachhaltigkeit in Augsburg wirklich ihren Durchbruch schafft, muss sie von allen Akteur*innen mitgetragen werden. Blockierende Kräfte, die aus Angst an alten Lösungen hängen, sollten sich der Zukunft öffnen. Und die Chancen erkennen." Tom Hecht, Physiker, Agendasprecher.

Der Physiker und Lehrer Tom Hecht ist seit 2015 Agendasprecher und leitet das Fachforum Verkehr in Augsburg.

 

600 Menschen engagieren sich in den Agendaforen

Die Agendaforen sind das Herzstück der Lokalen Agenda 21. Aktuell arbeiten mehr als 600 Menschen in 29 verschiedenen Arbeitsgruppen – den Agendaforen - zu den unterschiedlichsten Themen. Wichtig zu wissen: die Agenda ist offen. Alle der Nachhaltigkeit Verbundenden sind eingeladen!Sie engagieren sich für die Fahrradstadt Augsburg, für plastikfreies Leben, für regionale Lebensmittel, für Nachbarschaftszentren, Gärten in der Stadt oder für Umwelt- und Naturschutz. Sie probieren einen neuen Umgang mit Landwirtschaft, mit Geld oder Wohnraum aus. Zu den Foren gehören der Arbeitskreis Urbane Gärten, das GreenOffice der Universität Augsburg, der NANU e.V., das Forum plastikfreies Augsburg, die Ag Tierrechte, die Fachforen Verkehr und Energie, die Biostadt und die Fairtrade-Stadt Augsburg oder Transition Town, um nur einige wenige zu nennen. Zweimal im Jahr erscheint eine Agendazeitung, die alle Aktivitäten zusammenfasst. Und weil Informationen eine wichtige Basis für Veränderungen sind, ist auch der Lifeguide Augsburg ein Agendaforum.Einmal im Monat treffen sich die Agendaforen, tauschen Erfahrungen und Informationen aus und koordinieren ihre Aktionen. Gäste sind immer willkommen. Bei diesen Treffen wurde unter anderem das Augsburger Stadtradeln, der erste Augsburger Parking Day und der Selbstversuch nachhaltiges Leben initiiert.

 

Keine Selbstverständlichkeit: Augsburg hat ein Büro für Nachhaltigkeit

Unterstützt werden die Agendaforen von der Geschäftsstelle Lokale Agenda 21 im Büro für Nachhaltigkeit. So ein Büro als Teil der Stadtverwaltung ist keine Selbstverständlichkeit: Augsburg ist eine der wenigen deutschen Städte mit einem Büro für Nachhaltigkeit. In der Maximilianstraße 3 sitzen im zweiten Stock Norbert Stamm und sein kleines, sehr effektiv arbeitendes Team. Sie haben immer ein offenes Ohr für Ideen und Fragen.

Auch der Augsburger Nachhaltigkeitsbeirat ist Teil der Lokalen Agenda 21. Vier Mal im Jahr treffen sich im Augsburger Rathaus Vertreter*innen aus 23 Organisationen und Institutionen und beraten öffentlich über alle Themen rund um Augsburgs Nachhaltigkeit. Der Nachhaltigkeitsbeirat kann direkt Anträge an den Stadtrat stellen. Im Mai 2019 hat er beispielsweise empfohlen, bis 2025 die Treibhausgasemissionen auf fünf Tonnen pro Person und Jahr in Augsburg zu reduzieren und eine Klimaschutzkommission für unsere Stadt einzurichten.

Nachhaltiges Engagement wird in Augsburg übrigens mit einem Preis honoriert: Seit 2006 werden besonders gelungene Nachhaltigkeitsprojekte aus Augsburg mit dem Augsburger Zukunftspreis ausgezeichnet.Im Rahmen der Lokalen Agenda haben die oben genannten Akteure auch die Zukunftsleitlinien für die Stadt Augsburg (mit)erarbeitet. Seit 2015 stellen diese Leitlinien eine Orientierung für jeden Beschluss des Stadtrats dar. Sie umfassen 75 Ziele. Zu ihnen gehören zum Beispiel „Klima schützen“, „Erneuerbare Energien ausbauen und Energieversorgung sichern“ oder „Biologische Vielfalt erhalten und entwickeln“.

Wenn wir die Welt verbessern wollen, können wir gut in unserer Stadt anfangen. Denn die hängt ganz schön mit der übrigen Welt zusammen – in allem.“ Norbert Stamm, Nachhaltigkeitsbeauftragter Augsburg

Alle wichtigen Informationen und Kontakte zur Lokalen Agenda 21 finden Sie hier.

 

Lokalen Agenda 21, Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Lokale Agenda 21 in Augsburg bei der Demonstration Fridays for Future in Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Zukunftsleitlinien, Augsburg, Foto: Tabea Jacob
Die Zukunftsleitlinien der Stadt Augsburg. Foto Tabea Jacob
Lokalen Agenda 21, Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Akteure der Lokalen Agenda 21 Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Lokale Agenda 21, Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Akteure der Lokalen Agenda 21 Augsburg. Foto: Cynthia Matuszewski
Fridays for Future, Augsburg, Foto: Cynthia Matuszewski
Fridays-for-Future-Demo in Augsburg, im September 2019. Foto: Cynthia Matuszewski
Fridays for Future 2019, Foto: Cynthia Matuszewski
Fridays-for-Future-Demo in Augsburg, im September 2019. Foto: Cynthia Matuszewski
Fridays for Future 2019, Augsburg, Foto: Cynthia Matuszewski
Fridays-for-Future-Demo in Augsburg, im September 2019. Foto: Cynthia Matuszewski
Fridays for Future 2019, Foto: Cynthia Matuszewski
Fridays-for-Future-Demo in Augsburg, im September 2019. Foto: Cynthia Matuszewski
Fridays for Future 2019, Augsburg, Foto: Cynthia Matuszewski
Fridays-for-Future-Demo in Augsburg, im September 2019. Foto: Cynthia Matuszewski
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Ökonomie als Donut

Ökonomie als Donut
Ein neues Bild für zukunftsfähiges Wirtschaften: Kate Raworth stellte die Lehre vom Wirtschaften „vom Kopf auf die Füße" und entwickelte die Donut-Ökonomie. Buchtipp von Norbert Stamm.
Kate Raworth, „Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“, Grafik: Kate Raworth

Kate Raworth ist eine britische Wirtschaftswissenschaftlerin, der nicht gefiel, was sie an der Universität von Oxford lernte. Denn das, was gelehrt wurde, berücksichtigte in ihren Augen nicht das Wichtigste: die sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Deshalb entschloss sie sich, die Lehre vom Wirtschaften „vom Kopf auf die Füße zu stellen“.

 

Einfach zeichnen

Raworth griff zum Bleistift und zeichnete einen „sicheren und gerechten Raum für die Menschheit“ - den Bereich, in dem ein gutes Leben für alle Menschen auf der Welt auch langfristig möglich scheint. Heraus kam etwas, das aussieht wie ein Donut (Bild Donut vom Buchcover). Das war um 2011. Sie legte ihre Zeichnung verschiedenen Menschen und Gruppen vor – und stieß auf viel Zustimmung. 2017 veröffentlichte sie ihre gesammelten Überlegungen im Buch „Doughnut Economics. Seven ways to think“, es ist im März 2018 unter dem Titel „Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“ auf Deutsch erschienen.  

 

Wirtschaftsraum zwischen planetaren Grenzen und Weltentwicklungszielen

Raworths Donut ist der Freiraum, in dem zukunftsfähiges Wirtschaften heute möglich ist. Der innere Rand steht für zwölf  Grundbedürfnisse aller Menschen - wie sauberes Wasser, ausreichend Nahrung, Zugang zu Bildung, Wohnen und rechtliche Sicherheit. Den äußeren Donut-Rand bilden natürliche Faktoren wie Klima, Luft, Süßwasserqualität, Stickstoffkonzentration und Artenvielfalt. Sie sind begrenzt durch das, was das Erdsystem an menschlicher Aktivität verträgt. Dazwischen können wir leben.   Angeregt wurde Raworth durch das Modell der planetaren Grenzen, das der schwedische Agrar- und Erdsystemwissenschaftler Johan Rockström 2009 zusammen mit anderen einführte. Und durch die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die zuletzt 2015 als 17 Weltnachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) beschlossen wurden. Raworth vereint beides – und leitet daraus den Spielraum für unser Wirtschaften ab.

 

Die Macht der Grafiken

Uns Menschen beeindrucken vor allem Bilder. So auch die Bilder, die uns die Wirtschaftswissenschaften bisher von erfolgreichem Wirtschaften vermitteln: das vom geschlossenen Kreislauf, von der mathematisch exakten Kurve von Angebot und Nachfrage... All diese schönen Diagramme haben jedoch weder den Finanzcrash von 2008 vorher angezeigt noch beziehen sie Artensterben, Klimawandel und die Zahl der Hungernden mit ein. Raworth erkannte: wir brauchen nicht nur neue Erzählungen, sondern vor allem auch neue Bilder. Nicht mehr die exponentielle Wachstumskurve, sondern einen Donut. Nicht mehr Bilder von eigenständigen Kreisläufen, sondern von der Einbettung der Ökonomie. Nicht mehr das Konstrukt vom Menschen als einem homo oeconomicus, sondern ein Bild vom Menschen, das unsere soziale Verbundenheit zeigt. Solch neue Bilder findet sie und versucht, sie zu vermitteln.

 

Sieben wichtige Gedankenschritte für ein neues Bild von Wirtschaft

Am Anfang steht für Raworth der Abschied vom Bruttoinlandsprodukt als der Maßzahl für Wohlstand. Stattdessen geht es darum, allen Menschen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu ermöglichen.

Zweiter Schritt ist die Realisierung der Tatsache, dass Ökonomie eingebettet ist in Gesellschaft und Natur und eben kein eigenständiger Kreislauf.

Drittes Thema ist ein zutreffenderes Bild vom Menschen – nicht mehr als homo oeconomicus, sondern sozial eingebunden - das Raworthsche Modell zeigt die Bedeutung  menschlicher Beziehungen.

Vierter Bereich: wir müssen systemisch denken, aber nicht mehr mechanistisch – es gibt keine einfachen Hebel, um ein solch komplexes System wie Wirtschaft zu steuern. 

Fünftes: der Abschied vom Bild, das vorübergehend Ungleichheit nötig sei, um später Verteilungsgerechtigkeit zu erreichen, sondern stattdessen von vorneherein auf die Herstellung von Gleichheit zu setzen, z.B. durch öffentliche Investitionen in Gesundheit und Bildung.

Sechstens eine soweit wie möglich kreislaufförmige, regenerative Ausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft, ähnlich wie sich Cradle to Cradle das vorstellt.

Und siebtens sollten wir uns von der Abhängigkeit von Wirtschaftswachstum befreien: Wirtschaft muss nützen, auch ohne Wachstum.

 

Der Donut scheint zu schmecken - um im neuen Bild zu bleiben

Heute lehrt Kate Raworth Ökonomie in Oxford und Cambridge. Und ihr „Donut-Modell“ macht ebenfalls Karriere: es findet sich in immer mehr Powerpoint-Präsentationen. Und der Umweltökonom Daniel o'Neill der Universität Leeds hat ein Indikatorensystem entwickelt, das Donuts für über 150 Staaten anzeigt. Damit ist auf einen Blick sichtbar, wie nachhaltig diese Staaten derzeit wirtschaften: die Donuts zeigen an, wie vollständig das jeweilige soziale Fundament ist (der innere Kreis) und wie sehr die ökologischen Grenzen eingehalten oder überschritten werden (der äußere Kreis). Diese Datenbank mit dem Titel „A Good Life For All Within Planetary Boundaries“ zeigt unter anderem auch den Donut für Deutschland: während die sozialen Grundbedürfnisse fast vollständig abgedeckt seien, würden die ökologischen Grenzen oft weit überschritten.

Im März 2018 erschien Kate Raworths 413 Seiten starkes, gut lesbares Buch in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“. Auf den Seiten des Hanser-Verlags ist das umfangreiche Einführungskapitel auf Deutsch als PDF zu finden. Hier fnden Sie außerdem einige anschauliche Videos von Kate Raworth zu dem Thema (auf der Seite ein wenig nach unten scrollen).

 

Zur Person: Kate Raworth studierte um 1990 Ökonomie in Oxford. Doch mit dem, was sie dort über Wirtschaft lernte, war sie unzufrieden. Denn das, was gelehrt wurde, berücksichtigte in ihren Augen nicht das Wichtigste: die sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Deshalb verbrachte sie anschließend drei Jahre bei sogenannten Barfuß-Unternehmerinnen auf Sansibar. Und wechselte dann zu den Vereinten Nationen in New York, um am Human Development Index mitzuarbeiten. Zum Schluss arbeitete sie über zehn Jahre für die Entwicklungsorganisation Oxfam, wo sie gegen die unfairen Spielregeln und die Doppelmoral der internationalen Handelsbeziehungen kämpfte und die Auswirkungen des Klimawandels auf die Menschenrechte erforschte. Nach einem Jahr Erziehungszeit, entschloss sie sich, die Lehre vom Wirtschaften „vom Kopf auf die Füße zu stellen“. Und unterrichtet heute Ökonomie – u.a. in Oxford.

Kate Raworth: "Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört" Übersetzung: Hans Freundl und Sigrid Schmid, Hanser Verlag, 413 Seiten, 24 Euro

 

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Interview mit Christian Felber: "Die Gemeinwohl-Ökonomie gehört in die Bilanzen von Kommunen, Unternehmen und Banken": https://www.lifeguide-augsburg.de/magazin/interview-mit-christian-felber

Buchtipp: "Eine zukunftsfähige Geld- und Wirtschaftsordnung" von Uwe Burka:   https://www.lifeguide-augsburg.de/magazin/wenn-geld-altern-wuerde

Artikel in Newslichter:  https://www.newslichter.de/2018/05/donut-oekonomie-ein-revolutionaeres-…

 

Kate Raworth, „Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“, Foto: Richard Raworth
Kate Raworth, die Autorin von „Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“, Foto: Richard Raworth
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