Weniger

Wirkmächtige Worte von Aktiven aus der Augsburger Nachhaltigkeitsszene


Welches Wort motiviert mich zur Nachhaltigkeit? 23 Augsburger*innen beantworten diese Frage in der 50. Ausgabe der Agenda-Zeitung. Der Lifeguide veröffentlicht ihre vielfältigen, inspirierenden und querdenkenden Gedanken über wirkmächtige Worte.  Anita Kawoussi sagt: "WENIGER als gesellschaftliche Verantwortung im 21.Jahrhundert könnte zu einem Türöffner in eine moderne nachhaltige gemeinsame Zukunft werden."

Zum wiederholten Mal hatte ich die Stadt verlassen und wanderte durch das wenig besiedelte Land. Ich erlebte die Landschaft, die Natur, die Geräusche, die Düfte, die Leute, die Ruhe. Eine einfache und doch komplexe sinnliche Erfahrung.

Ich erlebte die wunderbare Gewissheit, dass alles, was ich benötige, bei mir im Rucksack ist: Zelt, Kleidung, Essen, Buch, Geld." Anita Kawoussi, Kinder und Jugendkunstschule Palette.

Die auf das WENIGER reduzierten Mittel entfalten für mich das Mehr an wertvoller emotionaler Tiefe: Befreiung, Freude und Leichtigkeit, der Blick auf die kleinen Dinge oder auf das Wesentliche, ich selbst als ein winziger Teil des großen Ganzen. Nichts verstellt den Blick, wenig lenkt ab, wenig belastet.

Nur eine Momentaufnahme jenseits des Alltags? Der Alltag suggeriert uns viele Bedürfnisse, Wünsche, Notwendigkeiten, Bequemlichkeiten, Standards und Must-haves und bringt uns unaufhörlich, reingezwängt in einen Uns-Geht-Es-Gut-Sessel, auf die unendliche Konsumachterbahn, deren Intensität sich nach einem Gebot richtet: Wir können es uns leisten! Gemeint ist hier nicht die Extravaganz und Superlative einer Elite, sondern die ganz normale, in unserer Gesellschaft weit verbreitete Konsumhaltung. Eine, die für MEHR, SCHNELLER, GRÖSSER und WEITER, aber auch NEU, SCHICK, HOCHGLANZ, LIFE STYLE, UP TO DATE und IN SEIN steht. Ich meine den ganz normalen materiellen Umsatz an Kleidung, Lebensmitteln, Drogerieartikeln, Elektro-und Elektronikgeräten, Möbeln und Gegenständen, die ganz normale Mobilität und Reiselust, das ganz normale Wohnen. Alles ganz normal?

 

WENIGER bitte!

Das kleine Wort WENIGER wirkt in unserer Gesellschaft des materiellen Überflusses und der schnellen technologischen Entwicklung etwas deplatziert, ungewollt, fast unsympathisch. Allzu leicht klingt es nach Verzicht und Rückschritt, nach Bescheidenheit und Einfachheit, ist sehr schnell im Widerspruch zum modernen guten Leben, zum Angebot im Supermarkt der unendlichen Möglichkeiten, zu den Errungenschaften der globalisierten Welt.

Warum denn eigentlich WENIGER, wenn doch immer mehr möglich und zum Greifen nah ist? Erst ein Perspektivenwechsel mit dem ruhigen freien Blick des Rucksack-Wanderers bringt die gewünschte Haltung näher: Die Freude an der Schönheit unserer Erde befreit die Sinne und setzt Kräfte frei für Bedürfnisse und Aktivitäten immaterieller Art. Die Bereicherung, als ein winziger Teil die Welt mit allen Sinnen zu erleben, ermöglicht den Wechsel von ICH zu WIR und macht das kleine Wort WENIGER größer. WENIGER als gesellschaftliche Verantwortung im 21. Jahrhundert könnte zu einem Türöffner in eine moderne nachhaltige gemeinsame Zukunft werden. Ein radikales Umdenken und Umwälzen auf allen Ebenen unserer Gesellschafts-, Politik-und Wirtschaftssysteme könnte die gewünschten großen Kreise schlagen. Und das in der frohen Erwartung und Zuversicht, dass sich mit WENIGER unsere gemeinsame Zukunft frei und gesund gestalten lässt.

Anita Kawoussi

Zur Person: Anita Kawoussi ist eine der Leiterinnen der Kinder-und Jugendkunstschule Palette. Sie hat die Augsburger Agenda 1996 mit gestartet und engagierte sich u.a. im Fachforum Eine Welt. Heute vermittelt sie diese Themen in Kunst-Schulprojekten an Kinder und Jugendliche.
 

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