Schülerinnen sprechen vor dem Nachhaltigkeitsbeirat

"Unser Ziel ist es, bis 2030 ein klimaneutrales Augsburg zu schaffen"

Sina Platzbecker, Esin Tunay und Eva Trautsch besuchen das Augsburger Holbein-Gymnasium. Sie sind Mitglieder der Bewegung Fridays for Future. Vor dem Augsburger Nachhaltigkeitsbeirat halten sie eine bewegende Rede für Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Sie erhalten viel Applaus, Dank und Zuspruch.

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind drei Schülerinnen des Holbein-Gymnasiums und engagieren uns schon seit Jahren im Arbeitskreis Global der Schule. Wir sind eine Gruppe, die sich mit den Themen Menschenrechte, Frieden und Ökologie beschäftigt.

Wenn wir über Klimaschutz reden, fällt oft der Begriff „Nachhaltigkeit“. Ein einfaches Wort für eine große Hürde. Nachhaltigkeit bedeutet, dass wir Entscheidungen nicht nur in unserem Sinne treffen, sondern auch an folgende Generationen denken. Unsere Kinder und Enkelkinder sollen die gleiche Lebensgrundlage bekommen wie wir. Die gleiche Umwelt, die gleichen Chancen. Wir sind um das Jahr 2000 geboren. Die nächste Generation wird also theoretisch 2030 geboren.

Unser Ziel ist es, bis 2030 ein klimaneutrales Augsburg zu schaffen".

Die nächste Generation soll also bereits von unserem Projekt profitieren. Um dessen Erfolg zu garantieren, ist nun schnelles Handeln gefragt. Wir müssen uns hier und heute bewusst dazu entscheiden, den Klimawandel einzudämmen und einen Wandel in den Köpfen zu bewirken. Wir müssen die Idee von einer nachhaltigeren Welt in den Alltag der Menschen bringen, um in ihre Lebenswelt vorzudringen.

Es ist unser Anliegen, alternative Systeme vorzustellen. Es ist Ihre Aufgabe, Projekte unserer engagierten Gemeinschaft zu fördern und es ist am Einzelnen, sein Leben in manchen Feldern umzustrukturieren. Die Stadt muss dazu aber Anreize bieten und die nötige Basis schaffen."

Erst einmal muss es für die Augsburger wieder rentabel werden, Fahrrad und Öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Während die Fahrradwege kaum durchdacht sind und man in der Konrad-Adenauer-Allee um sein Leben fürchten muss, stürzt man sich mit den Öffentlichen direkt in eine Finanzkrise. Als Schüler zahlen wir nach Augsburg monatlich von Königsbrunn aus 65 Euro, von Mering 85 Euro, um in die Schule gehen zu können. Und allein innerhalb der Stadtgrenzen liegt der Tarif sogar über dem von München.

Das Auto ist momentan billiger als der klimaschonendere Bus."

Ein guter Anfang wäre es, für Augsburger die Fahrradwege auszubauen. Man ist froh, wenn man an größeren Straßen einen befahrbaren Fahrradweg entdeckt. Wir schlagen nicht nur den Ausbau des Fahrradnetzes vor, sondern wollen eine Trennerhöhung zwischen Straße und Fahrradweg. Dadurch wird das Fahrradfahren wieder attraktiver und sicherer, mehr Menschen aller Altersklassen greifen auf das umweltfreundliche Verkehrsmittel zurück. Man muss nicht mehr fürchten, überfahren zu werden und kann beruhigt auch mal die Stadt und deren Umgebung genauer unter Augenschein nehmen.Wenn wir unseren ökologischen Fußabdruck geringhalten wollen, müssen wir auch die Abgaswerte geringhalten. Um einen möglichst großen Effekt zu erzielen, ist es wichtig, dass wir bereits bestehende Konzepte übernehmen. Stichwort abgasfreie Innenstadt.

Es steht außer Frage, dass sich eine geringere Stickstoffbelastung positiv auf unsere Gesundheit auswirkt. So verbessern wir mit der Luftqualität auch unsere Lebensqualität. Klimaschutz kann für den Einzelnen rentabel und attraktiv werden. Wenn wir es schaffen, unsere Innenstadt frei von Autos zu machen, fördern wir also gleich zwei Aspekte eines zukunftsorientierten Augsburgs.

150.000. Es gibt fast 150.000 Autos in unserer Stadt Augsburg. Fast 150.000 Autos, die einen Stellplatz brauchen. Fast 150.000 Autos, die unsere Umwelt mit Abgasen verpesten."

In Augsburg leben um die 35.000 unter 15-jährige Kinder. 35.000 Kinder, die einen Platz, draußen in der Natur, zum Spielen brauchen. Aber die Stadt bietet dafür nicht genug Grünflächen. Also bleiben die Kinder drinnen. Sie setzen sich vor den Computer, gehen ans Handy oder spielen mit ihren Freunden an der Konsole. Dort ist es egal, wie viele Bäume überfahren werden und wie viele Autos sie besitzen. Man drückt einfach auf “reset” und weiter geht’s. Wer garantiert uns, dass genau diese Kinder es in ihrem späteren, realen Leben nicht genauso machen? Die meisten werden sich später ein Auto kaufen, vielleicht auch zwei. Und natürlich müssen diese Autos auch irgendwo geparkt werden. Aber wo? Auf den Grünflächen, die uns noch übriggeblieben sind?

Wie soll unsere Zukunft lernen, mit der Zukunft umzugehen, wenn unsere Gegenwart sie zerstört?"

Wir brauchen einen schnellen, plötzlichen Wechsel. Wir können es uns nicht leisten, Probleme nur oberflächlich zu behandeln. Wir müssen auch ihre Folgen und vor allem ihre Ursachen im Auge behalten. Nur so können wir Probleme langanhaltend aus der Welt schaffen. Dafür müssen wir bei der Wurzel ansetzen.

Wir müssen dafür sorgen, dass Kinder von Anfang an ein Gespür im Umgang mit ihrer Umwelt bekommen, damit sie bereit sind, diese zu schützen. Ihr Bewusstsein muss geprägt sein durch Informationen und Erfahrungen. Sie müssen wieder lernen, die echte Welt zu verstehen und wertzuschätzen, um sie über die neue, virtuelle Welt zu stellen."

Unser Schulsystem ist geprägt von Theorie und Alltag. Selbst Themen, die jeden persönlich etwas angehen, werden weltfremd. Durch Exkursionen ab dem Kindesalter und Vorträge von professionellen Referenten könnten die Schüler die Umwelt neu erfahren. Wir brauchen Projekte, für die Jugendliche gerne freiwillig ihre Zeit einsetzen. Sei es, um die Stadt kreativer, natürlicher und lebenswerter zu gestalten oder aber um von Schülern an Schüler Bildung weiterzugeben. Um solche Projekte durchzuführen, benötigen die Schulen und praxisorientierten Organisationen allerdings Fördergelder. Mancher mag sagen, die Stadt habe kein Geld für derartiges.

Von uns aus kann die Stadt sich das Geld für Klopapier am Holbein wieder sparen, wenn sie nur die Bildung stärker fördert."

“In the long run” wird uns das eher helfen, das Klima und uns zu schützen. Die Zukunft ist mehr wert, als sich durch Geld bemessen lässt.

Es wäre auch hilfreich, wenn Schüler, die einem Protest gegen die aktuelle Klimapolitik beiwohnen, anstatt im Unterricht zu sitzen, nicht als “Schwänzer” abgestempelt würden. Der Punkt ist, dass ein Leben voll Lernen für eine Zukunft sinnlos ist, wenn wir keine lebenswerte Zukunft haben. Deshalb gehen junge Menschen auf die Straßen. Deshalb werden sie zu “Schwänzern” degradiert? Unsere Generation wird oft als zu still, zu inaktiv, zu energielos dargestellt. Was nun, da wir laut, aktiv und voller Energie sind? Ihr lasst zu, dass wir dafür bestraft werden. Wir wollen dem Kultusministerium ausrichten, dass es auch andere Weg gibt. An unserer Schule wurde das bewiesen.

Jeder, der (wegen der Fridays-For-Future-Demos, Anm. d. Redaktion) unentschuldigt gefehlt hatte, musste nachsitzen. 137 Schüler mussten nachsitzen und 152 saßen letztendlich da. Weil sie begeistert waren, von der Art, wie die Situation gehandhabt wurde. Sie entwickelten Projekte zum Klimaschutz, redeten über den Sinn der Proteste und stiegen mit Herz und Seele in das Thema ein."

Ihre Wünsche, Ängste und Vorschläge für die Zukunft wurden ernst genommen und das motivierte sie, sich zu engagieren und sich für Veränderungen in ihrem Sinne einzusetzen. Wir Jugendlichen sind es, die den Grundstein für einen anhaltenden Wandel legen, aber dazu brauchen wir Ihre Unterstützung.

Ein weiteres Projekt, das uns am Herzen liegt und das wir auch Ihnen nahelegen wollen, ist das Thema Materialverschwendung. Das Problem reicht von Papierverschwendung an Schulen bis zu Plastikmüll, der durch Verpackungen und ToGo-Becher verursacht wird.

Wir schlagen vor, dass der Papierverbrauch in der Schule durch digitale Mittel eingeschränkt wird. Schüler können gut, auf mehr als die Hälfte aller ausgeteilten Arbeitsblätter und Handouts verzichten."

Handouts werden in aller Regel nie wieder eines Blickes gewürdigt, während Arbeitsblätter und seitenlange Skripte viele unnötige Informationen enthalten. Einfacher wäre es also, wenn Schüler Informationen in digitaler Form bekommen und dann alles für sie Relevante herausschreiben. Denn durch das Abschreiben von interessanten Informationen lernen viele Schüler am besten.

Sogenannte Unverpackt-Läden sind eine weitere Möglichkeit, die Verschwendung von Ressourcen einzudämmen. Augsburg verfügt in dieser Richtung über ein sehr spärliches Angebot. Durch Subventionen für Biomärkte, die lose Ware verkaufen, könnte Augsburg zum Trendsetter in der Region werden. Auf umweltbelastende Verpackungen zu verzichten wird immer moderner und gefragter. Auch der Ruf nach regionalen Produkten wird immer lauter. Wir wollen weniger Müll vom anderen Ende der Welt. Wir wollen regionale Produkte, die bezahlbar sind. Fördert Biomärkte, fördert fairen Handel und fördert unsere Landwirtschaft.

Macht klimaneutrales Handeln für die Mehrheit bezahlbar und helft uns, zu zeigen, dass ein klimafreundliches Leben auch Spaß machen kann. Wir können Vorreiter unserer Generation werden. Augsburg ist bereits eine Friedensstadt. Warum kann Augsburg nicht auch noch zur Klimafreundlichsten Region gewählt werden?"

Sina Platzbecker, Esin Tunay und Eva Trautsch, Rede vor dem Nachhaltigkeitsbeirat der Stadt Augsburg am Donnerstag, 14.02.2019

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