Plastikmüll vermeiden trotz Corona – geht das?

Hygienemaßnahmen sind wichtig - der Umweltschutz aber auch!

Gastautrorin Sabrina Linsmaier will möglichst wenig Verpackungsmüll verursachen. Sie sucht nach Lösungen:

Gerade in Zeiten von COVID-19 spielen Hygienemaßnahmen eine wichtige Rolle. Die Gesundheit aller Mitmenschen ist und bleibt ein wichtiges Anliegen. Dennoch sollte der im alltäglichen Leben anfallende Abfall nicht vernachlässigt werden. Vor allem Verpackungen sammeln sich schnell in der gelben Tonne an. Schlagzeilen wie „10 Prozent mehr Plastikmüll seit März“ schockieren mich. Irgendwie muss sich dieser doch vermeiden lassen, oder?

Mich interessiert: Welche gesetzlichen Vorgaben gibt es beim Eintuppern von der Frischetheke? Und inwiefern wird dies durch die Corona-Krise eingeschränkt? Wie kann ich meinen wachsenden Müllberg verkleinern? Dazu durchforste ich die aktuelle Gesetzeslage und frage Plastikvermeidungs-Expertin Sylvia Schaab.
Bereits Anfang des Jahres stellte ich mir die Frage: In welchen Augsburger Supermärkten kann ich Waren eintuppern lassen? Dass das durchaus funktioniert, zeigte sich beispielsweise beim Rewe Center am Augsburger Hauptbahnhof. Doch im Laufe der Krise wurden meine Tupperdose und ich an den Theken zunehmend zurückgewiesen. Eine Einwegverpackung als Ersatz war für mich keine Alternative.


Durch den Wirrwarr an Gesetzesvorlagen

Auf der Seite des Bayerischen Gesundheitsamts wird erläutert, dass alle Lebensmittelunternehmer in der EU dazu „verpflichtet [sind], Maßnahmen zu treffen, um die Sicherheit und Rechtskonformität der von ihnen in den Verkehr gebrachten Lebensmittel zu gewährleisten“. Klartext: Verkaufe ich Lebensmittel, muss ich darauf achten, dass diese sicher und hygienisch gehandhabt werden. Zum Umgang mit unverpackten Lebensmitteln an Bedientheken gibt es zudem weitere Aspekte, auf die geachtet werden sollte. Dazu gehört zum Beispiel, dass vom Kunden mitgebrachte Behältnisse nicht über die Ladentheke in den Hygienebereich der Metzgerei oder Käserei gelangen dürfen. Den Deckel des Gefäßes muss der Kunde dabei selbst abnehmen.
Diese Erfahrung habe ich im Rewe Center bereits gemacht. Zuerst sollte ich den Deckel meiner Dose abnehmen, diese auf ein Tablett auf dem Tresen ablegen und mein angefragtes Stück Gouda wurde auf einer Folie abgewogen und mit dieser Folie in meine Dose befördert. Da ich dabei leider nicht die erwartete Menge Müll eingespart habe, weil die Verkäuferin Einweghandschuhe dazu anzog und das Käsestück in der Frischetheke auch in Folie eingewickelt war, blieb das Erfolgsgefühl erstmal aus. Irgendwie muss es doch auch ohne den ganzen Plastikschnickschnack funktionieren, oder?

 

Unternehmen entscheiden individuell

Weiterhin wird auf der Seite des Bayerischen Gesundheitsamts darauf hingewiesen, dass die mitgebrachten Behältnisse leicht zu reinigen sein müssen. Und obendrauf kommt natürlich noch, dass vom Kunden mitgebrachte Dosen nur in ausgewiesenen Bereichen abgelegt werden dürfen. Diese Bereiche müssen zusätzlich gereinigt, wenn nicht sogar desinfiziert werden. Im Idealfall soll noch ein Aushang sichtbar sein, der den ganzen Prozess des Einfüllens erläutert.
Das Wichtigste bleibt aber, dass die Lebensmittelunternehmen entscheiden, ob sie die mitgebrachten Behältnisse der Kunden befüllen möchten oder nicht. Das heißt nicht nur, dass einzelne Gefäße, beispielsweise aufgrund von Verschmutzung, zurückgewiesen werden dürfen, sondern auch, dass das Befüllen allgemein eine Entscheidung des Unternehmens bleibt. Sprich: In jedem einzelnen Laden kann ich mit meiner Anfrage Glück aber leider auch Pech haben.


Für alles eine Vorschrift: Eigener Becher, Mehrweg-Becher, Pfandsystem

Der Deutsche Lebensmittelverband hat für die verschiedenen Einzelbereiche Merkblätter für Unternehmen erstellt. Dazu gehören kundeneigene „Coffee-to-go“-Becher und Mehrwegbehältnisse sowie Pfandsysteme. Bei Behältnissen, die dem Kunden gehören, gelten ähnliche Bedingungen wie beim Eintuppern. Wenn der Kontakt des Behältnisses mit dem Bereich hinter der Theke nicht vermeidbar ist, dürfen verschmutzte Becher und Dosen nicht angenommen werden. Beim Befüllen, Wiegen und Auspreisen sollen Tabletts oder Halter genutzt werden, um den Kontakt mit dem Behältnis minimal zu halten.
Bei Pfandbechern gilt Ähnliches, nur, dass es für die Sammlung, den Transport und die Reinigung zusätzliche Aufgaben für die Cafés anfallen. Werden die Behältnisse allerdings vorschriftsgemäß gereinigt, sollte es hier bei der Ausgabe keinen Unterschied zu Einwegbehältnissen geben. Dennoch scheint das während der Corona-Krise nicht mehr so reibungslos zu funktionieren.


Verständnis zeigen

Vor allem jetzt – in der Corona-Krise – ist es wohl mehr als verständlich, dass kein Unternehmen zur Verantwortung gezogen werden möchte, wenn es um die Beeinträchtigung der Gesundheit von Kund*innen geht. Zusammenfassend sagt die Rechtslage also Folgendes: Eintuppern ist möglich, aber nur, wenn Lebensmittelunternehmen gewisse Hygienestandards gewährleisten können. Die Entscheidung obliegt jedem Unternehmen selbst.
So fühle ich mich aber keinen großen Schritt weiter und ziehe die Augsburger Expertin zum Thema Plastik-Vermeidung zu Rate. Sylvia Schaab, aktiv im Forum Plastikfreies Augsburg und Buchautorin zum Thema Plastikeinsparen.

 

Was sagt Sylvia Schaab, Expertin für Müllvermeidung?

Hast du als Expertin zum Thema Nachhaltigkeit Tipps, wie man trotz der Krise Verpackungen und Abfälle vermeiden kann?
Sylvia Schaab:

Unnötigen Verpackungsmüll vermeidet man am besten, indem man eigenen Behälter zum Einkaufen mitnimmt oder auf Mehrweg-Verpackungen – also vor allem Pfand-Flaschen und Pfand-Gläser – setzt. Das gilt auch in Zeiten von Corona.

Allerdings lassen viele Geschäfte – gerade größere Ketten derzeit besondere Sorgfalt bezüglich mitgebrachter Verpackungen walten. Das ist verständlich, da die Menschen ja einfach verstärkt auf Hygiene achten. Im März gab es sogar eine Empfehlung des bayerischen Ministers für Umwelt und Verbraucher Thomas Glauber, sicherheitshalber auf das Befüllen von mitgebrachten Behältnissen zu verzichten. Dem sind viele Einzelhändler bis heute nachgekommen. Derzeit entspannt sich die Lage wieder und es werden zumindest wieder Pfandbecher ausgegeben.
 

Gibt es zu Zeiten von Corona noch Bäckereien oder Frischetheken, die Waren in mitgebrachte Behältnisse füllen? Stichwort die von Euch mitinitiierte Kampagne „Brings’s mit“?
Sylvia Schaab: Auch in Zeiten von Corona gibt es Läden, in denen verpackungsfreies Einkaufen funktioniert. Am besten geht das in Läden, die das unverpackte Einkaufen als Prinzip haben. Also bei Unverpackt Läden wie RutaNatur in Augsburg oder das Herzstück in Diedorf. Dort ist man auf diese Situation eingestellt und achtet auch besonders auf Hygiene. Auch bei Mutter Erde, unser ältester Bioladen in der Augsburger Altstadt handelt hier sehr umsichtig. Einige Supermärkte wie der Biosupermarkt Basic oder Kronthaler Lebensmittel in Lechhausen bieten mittlerweile auch offene Ware in sogenannten Bulk Bins an. Dort können Kund*innen nach wie vor ihre eigenen Behälter auffüllen. Grundsätzlich ist es in inhabergeführten Läden einfacher mit eigenen Behältern einkaufen zu gehen. Dort sind die Ladenbesitzer*innen näher dran und können einfacher und schneller auf die aktuelle Situation reagieren. Das gilt für Bäcker, Metzger, Tante-Emma-Läden, aber auch für kleinere Supermärkte wie Bios in Göggingen.
Beim Bäcker kann man sich die Sachen auch einfach „auf die Hand“ geben lassen und dann auf seiner Seite der Theke selbst einpacken. Das geht in der Regel problemlos, auch wenn selbst das in manchen Läden noch nicht wieder funktioniert. Doch solange noch Verunsicherung auf Grund des Corona-Virus besteht, sollte jede*r einfach ein bisschen geduldig sein. Stattdessen kann man ja auf Verpackungen verzichten indem man größere Mengen von einem kauft, statt viele einzeln verpackte Sachen oder die Verkäufer*innen dazu auffordern, möglichst wenig Tüten zum Verpacken zu benutzen.
Grundsätzlich haben sich die Vorschriften für Hygienemaßnahmen nicht geändert. Nach wie vor gelten besondere Hygienemaßnahmen, die auch der Lebensmittelverband erst im März anschaulich in einem Merkblatt zum Befüllen von Mehrweg-Behältern dargestellt hat:

Wie könnte man Geschäfte dazu ermutigen, trotz der Krise Waren unverpackt herauszugeben?
Sylvia Schaab:

Geschäfte sparen sich eine Menge Geld, wenn sie keine Verpackung rausgeben müssen. Das wäre etwa ein Ansatz.

Zudem kann jede*r auf die geltenden Hygienerichtlinien hinweisen und auf das Merkblatt „Mehrweg-Behältnisse“ des Lebensmittelverbands. Unsichere Händler können sich in Augsburg beim Marktamt beraten lassen. Dort erfahren sie, wie der eigene Frischebereich eingerichtet und genutzt werden kann, um diesen Regeln gerecht zu werden. Ich denke, auch für den Umweltaspekt sind viele offen. Es ist ja auch ein Anreiz, seinen Laden mit unseren Bring’s mit Aufklebern zu versehen und in unserer Liste aufgenommen zu werden. Damit zeigen diese Läden, dass sie sich um unsere Umwelt sorgen und gerne ihren Beitrag dazu leisten.
 

Zu guter Letzt würde mich noch interessieren, ob du in der Krise eine Chance siehst, was das Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit betrifft.
Sylvia Schaab: Der immense Müll, den wir als Gesellschaft in den vergangenen Wochen durch die vielen To-Go-Verpackungen und die Einwegprodukte wie Mundschutz, Umhänge oder Handschuhe produziert haben, bringt doch einige Menschen zum Nachdenken. So ist das Thema Verpackungen wieder vermehrt ins Bewusstsein gerückt. Die Einzelhändler und Restaurants sind sensibilisiert für die Kosten, die durch die Verpackungen entstehen und suchen nach umweltfreundlichen Alternativen.
Ich denke, dass sich nachhaltige Ansätze weiterverbreiten werden. Vielleicht nicht ganz so schnell, wie es während der Ruhepause des Lockdowns noch möglich erschien, als Natur und Mensch kräftig durchatmen konnten.

Doch es ist mehr Menschen als bisher bewusst geworden, dass es ohne gesunde Umwelt auch uns langfristig an den Kragen geht.

Wir haben viele neue Dinge gelernt und erfahren, die auch unserer Umwelt helfen werden. Derzeit steht vor allem die wirtschaftliche Schadensbegrenzung im Vordergrund, doch erste Schritte in Richtung Weltrettung sind unternommen worden.
Vielen Dank Sylvia für deine vielen Tipps!

Mein Wunsch...

Und damit mein Wunsch an alle Weltverbesser*innen da draußen: Nicht aufgeben, freundlich in den Geschäften nachfragen und bei einer negativen Rückmeldung nicht den Kopf hängen lassen. Gemeinsam durch die Krise – nur hoffentlich ohne einen riesigen Müllberg zu hinterlassen.
Wer übrigens einen Standort gefunden hat, an welchem unverpackt einkaufen kein Problem ist, kann dies gerne in die Reuse Revolution Map von Greenpeace eintragen und seine Erfolge mit dem Hashtag #refillauxperiment teilen. Ebenso hat die Aktion „Bring‘s mit“ zusammen mit ähnlichen Initiativen aus anderen Städten den Hashtag #mitohne geschaffen. Wer bei Bring‘s mit mitmachen möchte, schreibt eine Mail an bringsmit [at] forum-plastikfrei.de (subject: Mitmachen%20) . In der Karte von morgen findet ihr Läden und Restaurants, in denen man seine eigenen Behälter mitbringen kann.

 

INFO: Über Sylvia Schaab
Sylvia Schaab ist Journalistin und Weltverbesserin. Als Expertin für plastikfreies Leben berät und unterstützt sie Menschen und Unternehmen dabei, Alternativen für unnötiges Plastik zu finden und ressourcenschonend zu handeln. In ihrem Blog www.gruenerwirdsnimmer.de und in ihrem Buch „Es geht auch ohne Plastik“ schreibt sie darüber, wie das in der Praxis geht.
Sie möchte, dass nachhaltiges Handeln zur Maxime wird und jeder seine Entscheidungen nach Umwelt- und Gemeinwohlkriterien hinterfragt: Geld UND Umwelt statt Geld ODER Umwelt. Daher ist sie auch beim Lifeguide Augsburg aktiv, schreibt Artikel und sorgt dafür, dass das Online-Magazin bekannter wird.
Gemeinsam mit vielen Umweltaktivist*innen hat sie in Augsburg und Umgebung das Forum Plastikfrei gegründet. Bei regelmäßigen Stammtischen, Vorträgen und Infoständen erklären sie den Menschen, wie sie plastikfreier und ressourcenschonender leben können.

 

Folgende Lifeguide-Artikel könnten euch auch interessieren:

Mehr über plastikfreies Leben in Augsburg erfahren Sie außerdem auf Websites von Andrea Maiwald und Sylvia Schaab:

 

Alternativen ohne Plastik
plastikfrei, Stammtisch plastikfreies Leben, weniger Plastik, Augsburg, Königsbrunn, Friedberg, Schwabmünchen, Seife, kein Duschgel, ohne Plastik, Foto: Cynthia Matuszewski
Sylvia Schaab, Augsburg, plastikfrei leben, Foto: Edtih Schmidt gen. Steinhoff
Der Stammtisch für plastikfreies Leben trifft sich jeden ersten Dienstag im Monat um 20.00 Uhr im Café Anna in Augsburg.
Plastikfrei einkaufen, Foto: Cynthia Matuszewski, Lifeguide Augsburg, Augsburg
plastikfrei, plastikfrei leben, plastikfreies Leben, leben ohne Plastik
Die Tiffin-Box: Für müllfreies Lunch to Go. Foto: Cynthia Matuszewski
Bring's mit, Augsburg, plastikfrei,
Lebensmittel, plastikfrei, Foto: Pixabay

Über die Autorin

Sabrina Linsmaier

Sabrina ist begeisterte Geographiestudentin und befasst sich auch in Ihrer Freizeit mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Wenn sie nicht gerade draußen unterwegs ist, kocht sie leidenschaftlich gerne und schreckt vor keinem Zero-Waste-DIY-Projekt zurück. Ganz nach dem Motto: Kreativ einen Beitrag zum Umweltschutz leisten!

Neuen Kommentar schreiben