Alternative Lastenfahrrad

Die Stadt Augsburg fördert ab dem 1. Juli 2019 die Anschaffung von Lastenfahrrädern und Pedelecs mit bis zu 1.000 Euro. Für Unternehmen stellt der Bund sogar maximal 2.500 Euro zur Verfügung.

Lastenfahrräder boomen. Junge Familien, Student*innen und Radbegeisterte haben das umweltfreundliche Transportmittel längst für den Großeinkauf, den schnellen Umzug oder den Familienausflug entdeckt. Auch Paket- und Lieferservice haben ihre Vorteile erkannt und bei der Deutschen Post sind die gelben Frontlader seit Jahrzehnten Tradition. In den Niederlanden besitzt die Lebensmittelkette Albert Heijn sogar einen eigenen Fuhrpark mit Schwerlastenfahrrädern – speziell für die Innenstädte und die Fußgängerzonen. 

Ein Lastenfahrrad ersetzt – in Bezug auf Transport und Ladung - einen halben Kastenwagen.“ Sven Külpmann, Lastenradberater

Sven Külpmann ist seit 15 Jahren autofrei unterwegs und hat sämtliche privaten Umzüge mit seinem Lastenfahrrad bewältigt. Nur für das Sofa und die Küche brauchte er einen Transporter. Im Gegensatz zu Privatpersonen müssen Unternehmen allerdings sorgfältig und individuell ermitteln, wie ein Lastenpedelec oder ein Lastenfahrrad zu ihren Anforderungen passt. "Ein Schornsteinfeger in Berlin kann zum Beispiel mühelos auf seine PKW-Flotte verzichten und ist mit seinem leichten Equipment auf dem Lastenfahrrad jetzt schneller, gesünder und umweltschonender unterwegs", berichtet Sven Külpmann. Und ergänzt:

"Es bringt nichts, wenn sich ein Handwerksbetrieb in Haunstetten ein Lastenpedelec anschafft und die Mitarbeiter müssen jeden Morgen erst einmal 15 Kilometer mit ihrem Material in die Stadt strampeln, bevor sie anfangen können zu arbeiten – da verliert jeder die Lust. Aber wenn der Wille zum Umdenken und Umstrukturieren da ist, findet sich meist eine praktikable Lösung. " Sven Külpmann, Lastenradberater.

Kurze Wege und keine Parkplatzprobleme

So könnte sich ein Betrieb beispielsweise ein zentrales Materiallager in der Innenstadt anlegen, um seine Wegstrecken zu verkürzen, sagt Külpmann. Das war bei dem Augsburger Malermeister Tobias Weidlich nicht nötig. „Wir haben uns Ende 2018 ein Lastenfahrrad für den Betrieb angeschafft und sind wirklich super happy damit“, berichtet er. Sein Betrieb ist mitten in Augsburg, in der Bäckergasse. Vor allem für Aufträge in der Innenstadt ist das Lastenrad perfekt geeignet. Weidlich ist von dem Konzept überzeugt.

Es gibt keine Parkplatzprobleme und Staus werden umfahren. Wir denken darüber nach, uns ein zweites Betriebsfahrrad anzuschaffen.“ Tobias Weidlich, Augsburger Malermeister.

Diesmal kann der Malermeister sogar mit der Unterstützung der Stadt Augsburg rechnen. 

 

Die Augsburger Förderung

Vom 1. Juli 2019 bis 31. Dezember 2020 stellt Augsburg einen Fördertopf von insgesamt 100.000 Euro zur Verfügung. Privatpersonen, Unternehmer*innen und Fahrgemeinschaften können bis zu 750 Euro Zuschuss für ein neues Lastenfahrrad und 1.000 Euro für Lastenpedelecs bekommen. 
Die Voraussetzungen sind einfach: Das Lastenfahrrad muss inklusive Fahrer*in mindestens 125 kg Zuladung haben, mit dem Kauf oder dem Leasing darf vor dem 1. Juli 2019 noch nicht begonnen worden sein und die Antragsteller*innen oder ihr Unternehmen sind in Augsburg ansässig. Auch gemeinnützige Organisationen können Anträge stellen. Am 1. Juli steht ab 18.00 Uhr das Online-Formular für die Förderung zur Verfügung. Alle Details finden Sie hier
"Mit diesem Förderprogramm setzt Augsburg einen weiteren Baustein des Masterplans nachhaltige und emissionsfreie Mobilität um. Das Ziel der Stadt ist klar: Augsburgerinnen und Augsburger sollen öfter Fahrräder in ihrem Alltag nutzen. Mit Lastenrädern können selbst schwere Lasten mühelos transportiert werden. In Kombination mit dem städtischen ÖPNV und Car-Sharing-Angeboten kann sogar ganz auf ein eigenes Auto verzichtet werden“, freut sich Umweltreferent Reiner Erben.

 

Der Fördertopf vom Bund

Eine Alternative zur Augsburger Unterstützung ist der Fördertopf des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Das Amt fördert ausschließlich Betriebe und Unternehmen. Mit maximal 2.500 Euro pro Fahrzeug werden „...elektrisch angetriebene Schwerlastenfahrräder sowie Schwerlastenanhänger mit elektrischer Antriebsunterstützung mit einem Mindest-Transportvolumen von 1 m³ und einer Nutzlast (Nutzlast=Zuladung abzüglich Gewicht der Fahrer*in) von mindestens 150 kg gefördert. Außerdem Gespanne mit einem nicht-motorisierten Lastenfahrrad oder einem Lastenanhänger mit einem Gesamttransportvolumen des Gespanns von mindestens 1 m³.“ Die Höchstgeschwindigkeit für diese Räder sind 25 Stundenkilometer. Bei der Finanzierung ist Leasing nicht zulässig, Ratenkauf und Mietkaufmodell sind jedoch möglich. Details finden Sie hier.

 

Vom Augsburger Rathaus in maximal 25 Minuten zur Stadtgrenze

Wenn die Hürden der Planung und der Finanzierung genommen sind, bleibt aber vielleicht immer noch ein Rest Skepsis. Ist eine Stadt – und speziell Augsburg - überhaupt für ein Lastenfahrrad geeignet? Spart man wirklich Zeit, wenn man hier mit dem Rad unterwegs ist? „Ich sage immer, dass man vom Augsburger Rathausplatz in 25 Minuten an jeder Stadtgrenze sein kann. Und bei der Parkplatzsuche spart man auf jeden Fall Zeit“, berichtet Günter Schütz. Der Konstrukteur für Medizintechnik fährt seit vier Jahren mit seinem Lastenfahrrad durch Augsburg und ist Gründer des ehrenamtlichen Lastenradverleihs „Max und Moritz“. Aber gibt es genug Fahrradwege?

Man kann sich die Fahrbahn auch mit Autos teilen und je mehr Fahrräder auf der Straße sind, desto ungefährlicher wird es für den einzelnen Radfahrer. Autofahrer müssen sich daran gewöhnen, dass ihnen der Verkehrsraum nicht mehr alleine gehört.“ Günter Schütz, Konstrukteur für Medizintechnik, seit vier Jahren mit dem Lastenrad in Augsburg unterwegs.

Mit dem Fahrrad neue Routen entdecken

Außerdem sind die Routen, die für ein Auto optimal sind, nicht unbedingt die besten Strecken für das Fahrrad. „Man bekommt also nach einer gewissen Zeit einen anderen Stadtplan in den Kopf, der auf das Fahrradfahren optimiert wurde: Wenig Ampeln, ausreichend breite Wege, abseits des Autoverkehrs“, erzählt Günter Schütz. 

Sven Külpmann ist zufrieden, wie er persönlich in Augsburg mit dem Fahrrad unterwegs sein kann.

Klar, kann man immer etwas verbessern, aber der Wandel ist da. Jetzt müssen wir das auch nutzen. Je mehr Fahrräder und Lastenräder auf die Straße kommen, umso besser. Denn das zeigt den Verantwortlichen, dass eine bessere Radinfrastruktur nicht nur gewünscht ist, sondern auch genutzt wird.“ Sven Külpmann.

Die Digitalagentur „Team 23“ im Augsburger Textilviertel hat seit einem Jahr mehrere Lastenpedelecs als Firmenfahrzeuge. Sie werden in der Woche sehr gut genutzt. Am Wochenende fördert das Unternehmen die Lust aufs Lastenrad-Fahren durch eine ganz einfache Idee: Als Extra dürfen sich die Mitarbeiter*innen die Firmenfahrräder ausleihen.

Die Möglichkeit, am Wochenende das Firmen-Lastenpedelec privat zu nutzen, wird klasse angenommen. Im Moment reißen sich alle um die Fahrzeuge und organisieren damit Familienausflüge oder größere Besorgungen. Genau durch diese positiven Erfahrungen erreichen wir ein Umdenken.“ Sven Külpmann, Webentwickler bei Team 23

 
Lastenräder müssen ihren Exoten-Status verlieren!

Auch ein weiteres Vorurteil können die beiden Experten entkräften. Ein Lastenfahrrad ist keineswegs zu schwergängig oder zu groß für Frauen oder zierliche Menschen. „Es gibt ja schon Modelle mit 14,5 Kilogramm Gewicht“, sagt Sven Külpmann. Und Günter Schütz ergänzt. „Ich kenne fast mehr Frauen, die Lastenräder fahren, als Männer. Der Elektroantrieb bei einem großen Lastenrad hilft, das bis zu 50kg schwere Rad bei Laune zu halten. Das Rad selbst lässt sich gut lenken. Ich vergleiche es mit einer Schiffschaukel. Es gibt aber auch andere Lastenräder ohne Motor, die deutlich weniger als die Hälfte wiegen. Auch die kann man gut fahren - sogar mit zusätzlichen Lasten. Die übliche Eingewöhnungsphase sind 500 Meter in einer Nebenstraße, um sich auf das Rad einzulassen.“ Günter Schütz Wunsch für die Zukunft:

Die Lastenräder müssen ihren Exoten-Status verlieren. Es muss ganz normal sein, sie auf der Straße zu sehen und sie zu nutzen. So eine Anschubfinanzierung kann helfen, über den eigenen Schatten zu springen und es einmal zu versuchen.“ Günter Schütz.

Augsburg, Augsburg atmet, Lastenfahrradförderung, Grafik: Stadt Augsburg
Lastenfahrrad, Augsburg,  Förderung, Foto: Christoph Mießl
Lastenfahrrad, Augsburg,  Förderung, Foto: Christoph Mießl
Lastenfahrrad, Augsburg,  Förderung, Foto: Christoph Mießl

Über die Autorin

Cynthia Matuszewski

Cynthia Matuszewski ist freiberufliche Journalistin und Fotografin. Sie arbeitet als PR-Referentin für Klient*innen aus Politik, Wirtschaft und Soziales, sowie verschiedene NGOs. Seit 2013 ist sie Redakteurin des Lifeguides Augsburg und seit 2016 Vorstand des Vereins Lifeguide Augsburg e.V.. Mit ihrer Begeisterung für Interviews und Regionaljournalismus schreibt sie u.a. für Chrismon, Augsburger Allgemeine Zeitung, Kindergarten heute, Evangelisches Sonntagsblatt, London Female Film Festival. Stationen: Kindheit in Köln. Ausbildung und Arbeit als Fotografin in Berlin. Studium der Publizistik an der Freien Universität Berlin. Hörfunk- und Printjournalistin u.a. für SFB, WDR, Deutsche Welle, WAZ.

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