In 1011 Tagen um die Welt - ohne Flugzeug!

Leo Sibeth und Sebastian Ohlert reisen mit Bahn, Bus, Containerschiff oder per Anhalter einmal um die Erde

Das Interview führten Christina Hausotter und Cynthia Matuszewski

Ursprünglich planten sie eine Auszeit von einem Jahr. Daraus sind drei Jahre geworden, in denen Leo Sibeth und Sebastian Ohlert einmal um die Welt reisten, ohne je einen Fuß in ein Flugzeug zu setzen. Ihre Reise führte sie durch Asien und Mittelamerika. Mit dem Fahrrad radelten sie durch Vietnam, mit dem Jeep oder zu Fuß bewältigten sie den Himalaya und auf dem Rücken von Pferden kirgisische Weiten. Die Ozeane überquerten Leo und Sebastian auf Containerschiffen.

In Richtung Osten gestartet, kehrten die Weltreisenden nach 1011 Tagen aus dem Westen nach Hause zurück. Im Fokus stand immer das nachhaltige Reisen. Auch die Begegnung mit Menschen vor Ort war für sie wichtiger als das ‚Abhaken‘ von Sehenswürdigkeiten.

  • Lifeguide, in eigener Sache: Ein Interview mit Sebastian Ohlert und Leo Sibeth KANN nicht kurz sein. Denn die Diplompädagogin und der Wirtschaftsingenieur haben einfach zu viel Spannendes zu erzählen. Wir bitten also jetzt schon um Verständnis für die Länge dieses bereits gekürzten Interviews. Und wünschen viel Spaß beim Lesen.

Leo und Sebastian, ihr wart zwei Jahre und 10 Monaten unterwegs. Und seid seit Dezember 2019 wieder hier und habt den Corona-Lockdown hautnah erlebt. Wie geht es euch?

Sebastian: Uns geht‘s gut. Wir sind froh, dass wir jetzt wieder hier sind und alles machen konnten, was wir uns vorgenommen hatten.

Leo: Unsere Rückkehr wurde nicht durch Corona erzwungen, sondern wir sind zurückgekommen, weil wir die Reise abschließen wollten. Wir waren im Dezember 2019 zurück, wir konnten Weihnachten feiern, Leute auf dem Weihnachtsmarkt treffen, einfach ankommen.

Könnt ihr euch denn überhaupt vorstellen, nach dieser langen Reisephase ‚nur noch‘ an einem Ort zu leben?

Leo: Wir haben jetzt ja wieder eine Wohnung in Augsburg.

Es ist schön, wieder einen Ort zu haben, von dem wir sagen: das ist unser Zuhause. Es kommt nicht irgendjemand und sagt: Tut mir leid, in drei Nächten ist das Zimmer reserviert, ihr müsst dann leider gehen.

Sebastian: Meine Reisebatterien sind noch nicht wieder aufgeladen. Mehr als Leo hatte ich nach zwei, zweieinhalb Jahren das Bedürfnis, mal wieder länger an einem Ort zu sein. Ich finde es gerade ganz schön, dass wir uns nicht mehr darum kümmern müssen, wo wir schlafen, wo wir einkaufen oder wie wir von A nach B kommen. Sondern uns mal wieder mit anderen Dingen beschäftigen können. Und natürlich auch unsere Freunde und Familien wiedersehen.

Eure Reise ist auf Eurer Website eins2frei total spannend nachzulesen. Welche Tipps habt ihr, wenn jemand nachhaltig reisen möchte?

Sebastian: Also… am besten funktioniert es, wenn man ein bisschen Zeit und Geduld mitbringt. Wenn du jetzt sagst, ich hab nur zwei Wochen Urlaub und ich will auf jeden Fall das, das und das sehen, dann muss man von vorneherein natürlich viel organisieren oder sich schon einen genauen Plan machen und man muss dann eventuell doch Flüge buchen oder Unterkünfte. Aber wenn man ein bisschen mehr Zeit hat, dann kann man einfach vor Ort schauen, welche Möglichkeiten es gibt, nachhaltig oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein oder mal mit dem Fahrrad zu fahren.

Leo: Oder man sagt, ich bin zwei Wochen unterwegs, aber ich habe kein Ziel. Ich habe zwei Wochen Zeit und ich nehme mir vor, nachhaltig zu reisen. Und jetzt gucke ich mal, wo ich hinkomme und was passiert. Sieht es da schön aus, gehe ich da hin ... oder hab ich eine Einladung? Ich glaube das wäre eigentlich zum Reisen die netteste Art.

Wenn man ein Ziel hat, dann ist man ja sehr darauf fokussiert. Und der Weg zu dem Ziel ist einfach nur die Strecke, die man zurücklegen muss, damit dieser Urlaub endlich beginnt. Aber beim Reisen, gerade beim Reisen über Land, wenn man kein festes Ziel hat, ist der Weg das Ziel. Das ist ja immer der Satz, aber er funktioniert eben auch.

Sebastian: Das haben wir oft gemacht. Wenn man kein Ziel hat, dann kann man sich auch ganz frei für sein Transportmittel entscheiden. Dann steht man unter gar keinem Zeitdruck. Weil man ja nicht irgendwann irgendwo sein muss.

Leo: Diese Flexibilität ist auch beim bewussten oder nachhaltigen Reisen wichtig.

Öffentliche Transportmittel gibt es eigentlich überall. Einheimische legen ja überall kleinere und größere Strecken zurück. Wir haben selbst in ganz ländlichen Gegenden noch einen Bus gefunden, der uns mitgenommen hat."


Sebastian: Oder einen Jeep! Irgendwas gibt‘s immer.

Leo: Und darauf kann man vertrauen. Auch wenn ich hier von zuhause aus nicht weiß, wie komme ich von A nach B. Sobald man vor Ort ist und fragt, ergibt sich immer eine Lösung.

Verweilen und Weiterreisen, wie kriegt man da einen guten Rhythmus hin?

Sebastian: Am Anfang waren wir ziemlich schnell unterwegs. Da sind wir alle ein, zwei, drei, allerspätestens vier Tage weitergefahren. Da hatten wir noch diesen Drang, möglichst viel zu sehen und möglichst viel zu erleben und alles mitzunehmen...

Jetzt empfehlt ihr, das nicht zu tun...

Sebastian: Genau.

Es ist ja auch ganz schön anstrengend, so oft weiterzufahren und so viele Eindrücke zu verarbeiten.

Irgendwann haben wir gedacht: So geht das auf längere Sicht nicht weiter. Und dann haben wir uns mal drei Wochen an einem Ort ein Zimmer in einem schönen Hostel genommen, wo wir uns wohlgefühlt haben. Und sind erstmal dageblieben. In der Stadt gab‘s gar nicht groß was zu sehen, aber trotzdem hat‘s uns so gut gefallen, weil wir eben nicht so viel erlebt haben.
Wir haben gemerkt, dass es wichtig ist, ab und zu mal eine Pause zu machen. Das haben wir dann auch immer wieder eingeplant.

Je länger die Reise dauerte, desto langsamer sind wir geworden und haben eher weniger Orte gesehen.

Wir waren dann ein bisschen länger an einem Ort, um ihn besser kennenzulernen oder auch mit mehr Ruhe zu erkunden."

Nach anderthalb Jahren haben wir das Housesitting entdeckt. Das heißt, wir haben für Leute, die ein Haus und Haustiere haben, auf ihre Tiere aufpasst. Inklusive füttern und Gassi gehen. Das wird über eine Plattform vermittelt. Wir haben dafür kein Geld bekommen, aber durften umsonst wohnen.

  • Lifeguide: Tipps und Infos rund um das Thema Geld findet ihr hier.

Was sind eure wichtigsten Argumente für nachhaltiges Reisen? Warum sollte man das machen?

Leo: Da gibt es viele Gründe. Natürlich, um umweltfreundlich zu reisen. Wir wollten unseren CO2-Fußabdruck möglichst klein halten. Dazu kommt die Langsamkeit des Reisens.

Langsam Reisen bedeutet zu erleben, wie sich die Landschaften, Gesichter, Sprachen, Gerüche und Speisen um uns herum verändern.

Wir lieben es, viel Zeit in der Natur zu verbringen und in unserem Zelt zu schlafen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen ist außerdem preisewerter, es spart nicht nur Ressourcen, sondern auch Geld.

Und natürlich ist es viel spannender, als im Flugzeug zu sitzen. Da sieht man ja gar nichts. Da erlebt man nichts. Aber wenn du in einem Jeep über Schotterstraßen holperst und neben dir geht es 40 Meter tief in den Abgrund, dann  bleibt dir das im Gedächtnis.

Begegnungen sind ja auch ein ganz wichtiger Teil eurer Reise...

Leo: Ja, wir haben durch unsere Art zu reisen sehr viele Leute kennengelernt.

Wir hatten viel Interesse am Austausch mit Leuten vor Ort und haben uns gefragt: wie leben sie, was machen sie, wie reisen sie? Manchmal haben wir uns nur 10 Minuten in irgendeinem Bus mit jemandem unterhalten. Manchmal saßen wir 10 Stunden im gleichen Zugabteil.

Der Kontakt zu Einheimischen ist beim nachhaltigen Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln einfacher, als wenn man mit lauter deutschen Touristen nach Mallorca fliegt. Da kriegt man kaum etwas mit von dem Land oder von den Menschen vor Ort.

Erzählt mal, was gab es für Begegnungen?

Sebastian: In China lernten wir eine Familie kennen: Vater, Mutter und ihre Tochter. So zehn, zwölf Jahre alt. Wir sind an einem See in einer Stadt namens Kunming spazieren gegangen und wurden von der Tochter auf Englisch angesprochen. Das kam selten vor, in China können nicht so viele Leute Englisch. Das Mädchen lernte in der Schule Englisch und wollte jetzt mal ihre Kenntnisse ausprobieren. Auch ihre Eltern sprachen Englisch und kamen dazu.

Wir haben uns zehn, fünfzehn Minuten unterhalten und wurden am Ende des Gesprächs von ihnen in ihre Heimatstadt Qingdao eingeladen. Der Ort liegt allerdings knappe dreitausend Kilometer von Kunming, dem Ort unserer kurzen Begegnung,  entfernt.


Monate später hat es sich dann ergeben, dass unser Containerschiff von Qingdao aus abfuhr. Also genau in der Stadt, in der die Familie wohnt. Also meldeten wir uns bei ihnen und sie luden uns ein, bei ihnen zu übernachten. Sie haben sich rührend um uns gekümmert, tolles Essen gekocht und Ausflüge in die Stadt mit uns unternommen.

Mit ihnen haben wir im April 2020 per Video telefoniert, denn wir wussten, dass zu diesem Zeitpunkt in China sehr schlimm mit Corona war. Im April 2020 durften sie schon anderthalb Monate nicht mehr das Haus verlassen, auch nicht zum Einkaufen. Der Vater der Familie ging weiterhin arbeiten und hat in dieser Zeit woanders gewohnt. Er hat Lebensmittel für Frau und Tochter eingekauft und sie ihnen vor die Tür gestellt.

Leo: Und dann haben sie uns gefragt, ob wir Masken haben? Als sie erfuhren, dass es in Deutschland gerade schwierig war, an Masken zu kommen, sagten sie: „Was, ihr habt keine Masken? Wir schicken euch welche. Wir haben ganz viele hier!“ Wir konnten sie dann gerade noch überreden, uns keine Masken zu schicken und bald darauf konnten wir uns ja selbst welche kaufen...

In Deutschland sind die Menschen ja meist sehr zurückhaltend. Wie habt Ihr das auf eurer Reise erlebt?

Wir müssen uns da echt eine dicke Scheibe abschneiden. Mit wie viel Zeit und Begeisterung sich die Leute um uns gekümmert haben!

Leo: Hier würden wir sagen: ‚Also heute habe ich Termine, da sieht‘s ganz schlecht aus. Und morgen, da bin ich eigentlich schon verabredet.‘

Sebastian: Aber auf der Reise haben wir so oft Leute getroffen, die gesagt haben, kein Problem, jetzt machen wir einfach etwas zusammen.

Wir haben uns oft gefragt, was sie eigentlich für den Tag geplant hatten, bevor sie uns getroffen haben? Wie geht das, dass sie alles über den Haufen schmeißen?

Ihr habt jetzt von vielen schönen Begegnungen erzählt. Gab es auch gefährliche Situationen auf eurer Reise?

Sebastian: Es gab solche Situationen, aber nur wenige. Mir fällt unsere erste Einreise nach China ein. Wir kamen aus Kasachstan und wollten in den Westen von China, in die Provinz Xinjiang. Das ist die Region mit den Zwangslagern für die Uiguren, die dort unterdrückt werden. Aber als wir 2017 dorthin gefahren sind, war das in den deutschen Medien noch kein Thema.

Leo: Wir wussten, dass die Situation angespannt ist, aber wir wussten nicht, wie angespannt.

Sebastian: Wir erreichten das Einreisegebäude mit einem Reisebus. Von allen Passagieren wurden die Pässe kontrolliert, alle durften einreisen. Nicht so bei uns.  Der Grenzbeamte nahm und unsere Pässe ab und bat uns, zu warten. Ein zweiter Grenzbeamter führte mich in einen separaten Raum und schloss die Tür. Leo musste draußen warten und ich war mit ihm alleine. In dem Raum war ein Regal, voll mit Waffen und ein Metallstuhl mit Hand- und Fußfesseln. Da wurde mir doch ein bisschen anders.

Der Ton war sehr unfreundlich. Ich sollte alle Sachen auf den Boden legen. Mein ganzes Gepäck. Und während ich ausgepackt habe, hat der Beamte ein Elektroschockgerät aus dem Regal genommen und es angemacht und damit rumgespielt,um mich einzuschüchtern.

Leo: Ich saß draußen und dachte ok, was wird das jetzt? Ich nahm mir vor, wenn Sebastian in zehn Minuten nicht wieder rauskommt, dann gehe ich nachgucken. Nach zwölf Minuten habe ich mein Gepäck genommen und bin in den Raum gegangen. Hinter mir riefen andere Beamte ‚Stop, Stop‘, und etwas auf Chinesisch, auf Russisch und auf Englisch. In dem Raum stand dieser Beamte mit meinem Laptop in der Hand und klickte sich durch meine Dateien. Ich habe Sebastian gefragt, ob alles ok ist und er nickte nur mit dem Kopf. Ich wurde von den anderen Beamten wieder hinaus eskortiert. Und kurz danach kamst du zum Glück auch wieder raus.

Sebastian:  Ich musste nur noch irgendwas unterschreiben - alles auf Chinesisch, ich wusste nicht, was es war. Dann durfte ich gehen.

Und ihr seid eingereist...

Sebastian: Dann sind wir eingereist.

Leo: Kurz haben wir überlegt, ob wir einfach wieder umdrehen. Denn nach Kasachstan konnten wir ohne Visum zurück. Aber dann dachten wir, na ja, jetzt sind wir schon drin. Jetzt schauen wir mal, was hier kommt.

Aber insgesamt habt ihr unheimlich viel Glück gehabt und die positiven Eindrücke und Erlebnisse überwiegen?

Leo: Ja, sehr. Zu 99% hatten wir gute Erlebnisse.

Wie kann man auf Reisen an seinen eigenen Vorstellungen in Bezug auf Umweltschutz festhalten? Habt Ihr dazu Tipps? 

Sebastian: Auf jeden Fall die eigene Trinkflasche mitnehmen, um Plastik einzusparen. Denn es gibt in den meisten Ländern Möglichkeiten, um sie unterwegs wieder mit Trinkwasser aufzufüllen.

Du kannst in den meisten Ländern zwar nicht einfach an den Wasserhahn gehen wie bei uns, aber es gibt in Hostels, bei Gastfamilien oder in Restaurants Trinkwasserkanister an denen du deine Trinkflasche füllen kannst. Häufig gehören die Kanister zu einem Pfandsystem – du sparst also Plastik.


Leo: Praktisch ist bei Reisen auch ein kleiner Rucksack. Oder eine Stofftasche zum Einkaufen auf dem Markt.

Also eigentlich genau das Gleiche wie hier auch?

Leo: Ja, im Endeffekt das Gleiche wie hier. Aber man kommt ab und zu dann doch an seine Grenzen. Beispielsweise in China war es ein Zeichen von Hygiene, dass in guten Restaurants dein Teller, das Besteck und dein Glas in Plastik eingeschweißt waren. Also kein Einweggeschirr, sondern abgewaschenes Geschirr.
Sebastian:  Und jeder hat sein eingeschweißtes Päckchen gekriegt. Das war das Zeichen, es ist sauber und man kann hier bedenkenlos essen.
Leo: Aber wenn wir in Restaurants waren, die Porzellangeschirr und Plastikgeschirr hatten, haben wir gebeten, das Porzellangeschirr und kein Plastikgeschirr zu bekommen.

Lifeguide: Noch mehr Tipps von Leo und Sebastian zum Thema Müll vermeiden auf Reisen findet ihr hier.

Habt ihr eure Unterkünfte schon im Voraus gebucht oder habt ihr das relativ spontan gemacht?

Leo: Das hing vom Land ab. Manchmal haben wir vorgebucht.

Sebastian: Aber manchmal wussten wir auch gar nicht, wo wir am Abend sein werden. Zum Beispiel, wenn wir über die Grenze in ein neues Land eingereist sind. Dann haben wir uns spontan vor Ort umgeschaut. Aber oft haben wir uns auch SIM-Karten fürs Handy gekauft und konnten vorher bei verschiedenen Plattformen schon mal recherchieren, welche Unterkünfte es überhaupt gibt.

Und seid ihr auch mal gestrandet?

Sebastian: Ja, einmal sind wir wirklich gestrandet. Wir trampten durch den Norden Pakistans und entdeckten bei Google Maps einen Ort mit Hotel. Das Hotel hatte auch Bewertungen und sah gut aus. Es klappte mit dem Trampen, jemand nahm uns bis zu dem Ort mit. Weil er für die Regierung arbeitete und eigentlich keine Ausländer im Auto mitnehmen durfte, setzte er uns am Ortsrand auf der Straße aus.

Wir waren mitten in den Bergen. Es war erst sechs Uhr abends, aber es war schon stockdunkel und richtig kalt. Auch im Ort selbst war es dunkel. Erst als wir näher kamen, bemerkten wir, dass das wie ein großer Militärstützpunkt aussah.Es gab ein kleines Wachhäuschen, in dem ein Soldat stand. Ein Riese. Groß, breit und mit Maschinengewehr. Wir mussten uns registrieren. Als wir sagten, wir wollen hier in einem Hotel schlafen, erklärte er uns: Das ist geschlossen.

Leo: Ja. Und dann kamen viele Männer, standen auf der Straße rum, haben geguckt und zugehört. Nur Männer. Und zwei haben gesagt: ‚Ah ja, ihr könnt bei uns übernachten. Kein Problem, wir nehmen euch mit‘. Sie haben uns durch die Dunkelheit geführt und da habe ich schon gedacht: Oh, das ist jetzt echt richtig uncool.
Sie haben uns zu ihrer Polizeistation mitgenommen und uns ein separates Zimmer gezeigt, wo wir schlafen durften. Ohne Gittertür, sogar mit einem eigenen Bad und einem Bett in der Ecke. Das war echt nett von ihnen, aber ich habe sehr auf Abstand geachtet und möglichst nicht geredet. Es war einfach eine ganz komische Situation. Die Dunkelheit, das Militärcamp und nur Männer.

Sebastian:  Und dann bin ich in der Nacht total krank geworden. Magen-Darm, hohes Fieber und alles. In dem Zimmer war es schweinekalt, die Fensterscheiben waren zerbrochen. Wir haben mit all unseren Klamotten im Schlafsack gelegen – unter allen Decken, die da waren - und es war immer noch kalt.
Wenn man dann krank wird und muss sich aus diesem Berg Klamotten und Decken rauskämpfen, um bei Eiseskälte auf dem Klo zu hocken...

Leo: Am nächsten Tag ging es Sebastian immer noch schlecht, er hatte Fieber. Also bin ich raus und habe mich nach einem Jeep erkundigt. Der nächste Jeep sollte aber erst in ein paar Tagen kommen. Aber auf einmal ging es dann schnell, dann hieß es: In zehn Minuten kommt ein Jeep, der kann euch mitnehmen.

Habt ihr euch während der Reise verändert?

Leo: Charakterlich nicht - das haben uns immerhin unsere Eltern und Freunde gesagt.

Wir haben gelernt, uns von manchen Situationen nicht so aus der Ruhe bringen zu lassen. Irgendeine Lösung gibt es immer.

Sebastian: Ja, solche Situationen gab es oft, in denen es zuerst so ausgesehen hat, als ob nichts funktionieren würde. Dann haben wir ein bisschen mit den Menschen gesprochen, andere Ideen entwickelt und am Ende gab es dann doch eine Lösung. Dieses Wissen hilft mir auch jetzt im Alltag.

Wo ich früher aufgegeben hätte, habe ich jetzt die Gewissheit, es wird schon gehen. Man muss nur rausfinden, wie.

Gab es Situationen, wo es entscheidend war, dass ihr zu zweit wart? Wo es von Vorteil war, dass Sebastian ein Mann ist?

Sebastian: Ich denke, allgemein hatte es Vorteile, dass wir als Paar gereist sind. Weil wir zum Beispiel bei Familien unterkommen konnten. Als Mann allein wäre das schwieriger geworden, vielleicht wären sie zurückhaltender gewesen, auch weil sie Kinder haben.

Leo: Ich erinnere mich jetzt an keine Situation, wo ich gedacht hab, das hätte allein überhaupt nicht funktioniert. Aber ich glaube für Einladungen und andere Kontakte war es schon praktisch, dass wir zu zweit waren. Nur einmal in Pakistan, als Sebastian krank war und ich allein zur Apotheke ging, war ich wirklich froh, nach dem Apothekenbesuch wieder im Hotel zu sein, eil ich auf der Straße entweder komplett ignoriert wurde oder vollkommenim Mittelpunkt stand und von allen Passanten, vor allem Männer, beobachtet wurde.

Wir haben aber auch alleinreisende Frauen getroffen. Gerade in Zentralasien, also Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan, in den ehemaligen Länder der UDSSR, sind Frauen eigentlich total stark. Viele Frauen haben in ihren Familien das Sagen. In dieser Region haben wir viele alleinreisende Frauen getroffen und ich habe von keinen schlimmen Erfahrungen gehört. Zum Glück.

Habt ihr irgendein Gepäckstück, das euer absolutes Lieblingsstück war? Von dem ihr sagt: Das musste unbedingt dabei sein?

Leo: Das ist jetzt voll unromantisch, aber für mich mein Handy. Es ermöglicht mir den Kontakt nach Hause, ist die Straßenkarte, die Musikbox, mein Aufnahmegerät, meine Uhr,…

Sebastian: Also spontan fällt mir die Gitarre ein. Ich hatte keine mitgenommen, aber nach ein paar Monaten habe ich es vermisst. In Kirgistan habe ich mir dann doch eine Gitarre gekauft und sie die ganze Zeit dabeigehabt. Wenn man an so vielen unterschiedlichen Orten ist, dann ist es gar nicht so leicht, ein Hobby zu haben, weil man ja immer andere Umstände vorfindet. Und da war die Gitarre eine Konstante, mein Hobby. Das war schön.

Leo: Für mich ist es neben dem Handy mein Tagebuch. Auf Reisen habe ich die nötige Muße zum Schreiben und es passiert ja auch so viel. Manchmal hatte ich richtig das Bedürfnis Tagebuch zu schreiben. In so ein Buch kann man ja auch viele Sachen einkleben. Obwohl ich am Computer schneller bin, ist das ein anders Schreiben...

Sebastian: Es war richtig angenehm, dass wir uns nur um die Sachen, die wir im Rucksack hatten, kümmern mussten und alles andere eigentlich egal war.

Ich habe noch dieses Foto vor Augen, wo du vor deinem Bauch und auf dem Rücken einen Rucksack hast und dann hast du noch beide Hände voll. Ist das Gepäck weniger geworden während der Reise?

Sebastian: Bei unserem allerersten Stopp in Regensburg, hat jeder von uns bereits gedacht, wir haben viel zu viel dabei, der Rucksack ist zu schwer. Wir hatten ja auch ein Zelt dabei.

Leo: Und eine Luftmatratze.

Sebastian: Und ein Kissen.

Leo: Und Wanderschuhe, also nicht so richtig große Wanderschuhe, aber quasi feste Schuhe. Also ja, war schon viel.

Beide lachen.

Leo: Also packten wir in Regensburg unsere Rucksäcke aus und gingen nochmal alles durch. Einiges ließen wir direkt dort und schickten die Sachen zu unseren Eltern. Was wir nicht bedacht haben ist, dass man an Reisetagen mindestens einen Liter Wasser pro Person dabei hat und außerdem Proviant. Du weißt ja nie, wie lange du im Bus oder im Zug sitzt und wann du an Nachschub kommst. Da war dann schon der halbe Tagesrucksack voll. Aber das haben wir mit der Zeit immer besser hingekriegt. Später hatten wir für den Proviant eine kleine Stofftasche und jeder seinen kleinen Rucksack mit den Wertsachen. Denn der große Rucksack geht eher ins Gepäckfach oder er liegt irgendwo und man hat ihn nicht immer im Blick.

Was habt ihr jetzt vor?

Sebastian:

Wir haben lange überlegt, was wir jetzt machen sollen oder wie es weitergehen könnte. Wir haben uns dafür auch Zeit gelassen, wir wollten erst mal in Ruhe ankommen.

Wir haben nicht sofort begonnen, Bewerbungen zu schreiben. Ich arbeite nun aber seit Juli 2020 bei einer Firma für Solarmodule.

Leo: Ich habe vor unserer Weltreise bei der Umweltstation Augsburg gearbeitet und freue mich sehr, dort wieder einzusteigen. Ich werde zu den Schwerpunkten Interkulturalität und Nachhaltigkeit Projekte gestalten.

Euer Schlusswort?

Wenn ihr eine Reise plant, steht ihr am Anfang vor einem Berg von Fragezeichen. Ihr denkt: Das ist super kompliziert, wie soll das nur funktionieren, das wird ja niemals klappen und das kann ich mir auch niemals leisten. Das Beste ist dann: einfach mal klein anfangen. Sich selbst sagen „Ich probiere es einfach mal aus.“ Und dann ist es ist auf einmal viel einfacher als man denkt. Viele Probleme lösen sich von allein oder sind gar nicht so groß. Das ist unsere Erfahrung.
 

INFOS:
Leo und Sebastian waren von März 2017 bis Dezember 2019 unterwegs. Auf ihrem Blog www.eins2frei.com schreiben sie von ihren Erlebnissen.
Tipps von Leo und Sebastian ...

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Leo Sibeth, Sebastian Ohlert, ein2frei, Weltreise, ohne Flugzeug, Foto: Cynthia Matuszewski

Über die Autorin

Christina Hausotter

Christina Hausotter ist Studentin der Umweltethik, Natur- und Weltliebhaberin. Unsere einzigartige Umwelt in ihrer ganzen Vielfalt und Schönheit zu erhalten und ihr die Möglichkeit zu geben, sich zu erholen, treibt sie jeden Tag an. Auf diesem Weg ist Nachhaltigkeit unerlässlich. Der Lifeguide gibt ihr die Plattform Menschen zu erreichen und so alle gemeinsam Nachhaltigkeit in unserem Denken und Handeln zu verankern.

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